Zum Weißen Sonntag gehören nicht nur vielerorts die Erstkommunionkinder mit ihren Familien – an die wir

Liebe Freunde!

Zum Weißen Sonntag gehören nicht nur vielerorts die Erstkommunionkinder mit ihren Familien – an die wir heute, da das Fest auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste, ganz besonders denken dürfen -, sondern auch der Apostel Thomas.

Vielleicht habt Ihr das auch schon erlebt. Ihr freut Euch über einen schönen Konzertabend, eine Geburtstags- oder Hochzeitsfeier, zu der Ihr eingeladen seid – und dann seid Ihr nicht dabei. Weil Euch etwas noch Wichtigeres und Unaufschiebbares dazwischengekommen ist. Oder weil Ihr krank geworden seid.

Oder hinterher erzählen Euch dann Freunde, wie toll der Abend gewesen ist und was man alles verpasst hat. Wird dann Eure Begeisterung genauso groß sein? Meistens denken wir eher: Immerhin hattet Ihr einen schönen Tag. Oder ein resigniertes: Ist eh vorbei. Schade.

Auch umgekehrt habe ich es erfahren: Nach der Rückkehr von einer spannenden Reise, einem wunderschönen Open-Air-Abend, einer berührenden Erfahrung sprüht man innerlich noch von Begeisterung – aber sie ist schwer rüberzubringen, weil Worte kaum die eigene Stimmung, das eigene Überwältigtsein wiedergeben können. Der Funke springt dann einfach nicht über.

So stelle ich mir das beim Apostel Thomas vor. Er war nicht da an jenem Osterabend, als Jesus seinen Jüngern erschien. Wir wissen nicht, warum er nicht dabei war. Hatte er schon genug vom lähmenden Zusammensein hinter verschlossenen Türen? War er derjenige, der dafür sorgte, dass wenigstens die Grundversorgung mit Nahrung und Getränken klappte, weil alle anderen keinen Fuß mehr vor die Tür setzten. Aus Angst. Weil sowieso alles sinnlos war. Wo doch Jesus tot war.

Und als Thomas schließlich, von wo auch immer, zurückkam, erzählten ihm die anderen 10 (Judas war ja nicht mehr dabei, Matthias noch nicht hinzugewählt): „Wir haben den Herrn gesehen.“ Was sollte er davon halten? Autosuggestion? Wir reden uns die Welt schön? Wir spielen: „Was wäre, wenn?“

Mögen die Jünger Jesu selbst überwältigt und begeistert gewesen sein: bei Thomas kommt das nicht an. Er hat es verpasst, und er will es nicht wahrhaben. Kann es nicht glauben. Sagt den anderen gleichsam: Jetzt kommt erst mal runter. Erzählt mir keine Räubergeschichten. Das ist doch Quatsch. Unglaublich. Wenn etwas klar ist, dann doch dieser Kreuzigungstod. Da ist man nicht nur bewusstlos. So etwas überlebt keiner.

Thomas bleibt skeptisch. Er kann diese Aussage der anderen Apostel „Wir haben den Herrn gesehen“ nicht annehmen. Er ist „ungläubig“, weil er nicht „leichtgläubig“ ist – und wird gerade dadurch zu einem besonders glaubwürdigen Zeugen der Auferstehungsbotschaft.

„Acht Tage später“ – das ist also der Sonntag danach, unser heutiger Weißer Sonntag, kommt Jesus zurück. Er zeigt sich so, wie eine Woche vorher. Von verschlossenen Türen lässt er sich nicht abhalten. Und er wünscht seinen Jüngern wieder als Erstes den Frieden!

Seit Jahrzehnten streiten manche Katholiken über die Art und Weise des Friedensgrußes in der Messfeier. Mit oder ohne Hände reichen. In den Wochen vor den Versammlungsverboten haben wir einander zugelächelt. Für viele ist die Form ein (unnötiger!) Aufreger. Denn unabhängig vom äußeren Zeichen: Der Friede innerhalb einer Gemeinde und innerhalb der Gemeinschaft der Kirche insgesamt ist eines der wichtigsten Güter! Es ist der erste Wunsch des Auferstandenen! Da, wo er hinkommt, darf Friede sein. Dürfen wir seinen Frieden einander weiterschenken. Wege der Versöhnung finden. Eine Kirche, in der bis heute gerne jeder „sein eigenes Süppchen kocht“, braucht diesen grundlegenden Frieden noch viel mehr.

Die Reformationszeit hat uns mehr als deutlich gezeigt, wohin ein fried- und liebloses Gegeneinander führt. Streit, Bruch, Kriege im Namen der Religion. Wie pervers!
Seitdem braucht es viel Geduld, gegenseitigen Respekt, guten Willen und Vertrauen, um den gemeinsamen, von Christus geschenkten österlichen Frieden als Basis für einen Weg zur Einheit in Liebe zu finden.

Und auch in der Gegenwart darf es bei allen Ausrichtungsfragen – die jede Wandergruppe kennt, wenn sie sich an einer Abzweigung fragt: Wo geht es denn jetzt weiter? – nicht zu einem Verlust des Grundfriedens, des Respekts voreinander kommen. Dieses Ringen um Einheit, im Glauben an den Auferstandenen und im Bewusstsein, dass Gottes Geist mit uns ist, ist eine der großen Aufgaben der Seelsorger, der Pfarrgemeinderäte, letztlich eines jeden Getauften und Gefirmten.

Kommen wir zu Thomas zurück. Jesus spricht ihn an. Er lädt ihn ein zur Berührung: Fühle, dass ich es bin! Kein Geist. Kein Scharlatan. Sondern Dein Jesus! Dem Du gefolgt bist. Hunderte Kilometer, rauf und runter durch Galiäa und schließlich nach Jerusalem. „Und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“

Wegen dieses kleinen Satzes hat Thomas oft das Attribut „der Ungläubige“ bekommen. Hört Ihr auch, wie zärtlich und persönlich Jesus zu Thomas spricht? Nur ihn spricht er in diesem Moment an. Seine Zweifel, seine Fragen sind ihm wichtig. Auf sie geht er ein. Es ist eine liebevolle Einladung: Ja, ich weiß, die Worte der zehn anderen Jünger überzeugen dich nicht. Dass ein Toter lebt: das kann jeder erzählen. Aber stimmen kann es nicht. Doch, Thomas, es stimmt. Ich lebe! Und ich zeige es Dir. Dein Glaube ist mir genauso wichtig wie der Glaube der anderen Zehn.

Und so wird Thomas für uns heute, die wir auch um den Glauben ringen, die wir uns fragen, ob die uns überlieferte Auferstehungsbotschaft wirklich richtig ist, zu einem großen Fürsprecher. Zu einem, in den wir uns gut hineinversetzen können. Der zweifeln durfte. Der seine Zeit brauchte. Der aber nun, da er Jesus mit eigenen Augen sieht, da er Jesu Stimme mit seinen eigenen Ohren hört, uns das schönste Bekenntnis schenkt, das überhaupt möglich ist:

„Mein Herr und mein Gott.“

Wir können über Gott nachdenken. Reflektieren. Philosophieren, Theologisieren. Als Erkenntnisgegenstand. Als Bewusstseinszustand. Als Projektion. Im religionswissenschaftlichen Vergleich. In der Beschäftigung mit kultischen Traditionen. Im Blick auf biblische und außerbiblische Gottesbilder. Und um ehrlich zu sein: Mir macht all das große Freude. Es lässt mich staunen, was Menschen tief bedacht und an Erfahrungen ins Wort gebracht haben.

Thomas jedoch geht einen Schritt weiter. Den entscheidenden Schritt. Für ihn wird Gott mehr denn je zum DU. Er versteht zum ersten Mal, was Jesus am Kreuz getan hat. Als Sohn Gottes. Nicht nur abstrakt „für die Welt“. Sondern konkret für IHN. Glaube im Sinne von Thomas heißt nicht, sich irgendeiner Lehre anzuschließen, so wie ich bei einer politischen Wahl mein Kreuzchen bei einer Partei mache. Glaube ist die persönliche Entscheidung Gottes für IHN: Thomas, Du bist mir wichtig. Für Dich habe ich mich verwunden lassen. Hingegeben. Und Thomas antwortet darauf mit seiner Entscheidung. Der Glaubensentscheidung. Mit dem kurzen Satz – und schließlich mit seinem ganzen Leben: „Mein Herr und mein Gott.“

Aus diesem Bekenntnis erwächst später sein missionarisches Wirken, das ihn möglicherweise weiter hinausführte als jeden anderen der Apostel: nach Indien, wo sich bis heute die Christen als „Thomas-Christen“ bezeichnen.

Ein letzter Satz Jesu berührt. Uns. Denn Jesus hat nicht nur seine elf Jünger im Blick. Er spricht über alle künftigen Generationen, die eingeladen sind zu glauben. Aus der Freude zu schöpfen, dass der Tod nicht die „Endstation Hoffnung“ ist. Dass sich in Jesus das Wort aus den Psalmen erfüllt: „Du führst mich hinaus ins Weite. Du machst meine Finsternis hell.“ Und dass wir uns verlassen dürfen auf das Zeugnis der Apostel und der Auferstehungsberichte in den Evangelien und den Paulusbriefen, und auf die Generationen, die vor uns geglaubt haben, oft auch in schwierigsten Zeiten, und auf deren Schultern wir stehen.

„Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Nein, Jesus will keine Leichtgläubigkeit. Er gibt uns Zeit, dass sich dieser Glaube in uns seinen Weg bahnen kann. Auch Thomas brauchte diese acht Tage. Wie lange brauchen wir? Jesus hat viel Geduld. Zweifel dürfen sein. Aber auch der Durchbruch von oft quälenden Zweifeln hin zu einem Sprung in die offenen Arme und an das liebevolle Herz Jesu: „Mein Herr und mein Gott!“

Das war sicher das große Anliegen von Papst Johannes Paul II., als er im Jahr 2000 diesen 2.Sonntag der Osterzeit, den Weißen Sonntag, auch zum „Sonntag der Barmherzigkeit“ erklärte. Als Substantiv ist das Wort ein bisschen sperrig und abstrakt. Aber wir dürfen es in unser Alltagstun übersetzen:

> In das Vertrauen, dass Jesus uns alle so im Blick hat wie den Thomas. Das macht Mut und hilft, andere zu ermutigen.
> In ein Handeln, das vom Geschenk des Friedens geprägt ist, das auch Zweifel, Fehler und Skepsis zulässt und wir einander in Geduld, Respekt und wertschätzender Liebe begegnen.
> In die Wahrnehmung einer Welt voller Wunden, die wir Jesu Herz hinhalten dürfen, weil zwar die Wunden bleiben, sie aber durch Gott in ein ganz neues Licht, in SEINE große Zukunft überführt werden.

Euch allen wünsche ich einen schönen und gesegneten Sonntag! Voller Herz. Voller österlichen Glanz. Mit dem barmherzigen Blick für das, was Menschen derzeit brauchen.

Euer Pastor Christoph Bersch

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