Zu den schönsten Bildern der Bibel gehört der Weinstock. Er steht für eines der edelsten Getränke – bis heute. Es gibt große

Liebe Freunde!

Zu den schönsten Bildern der Bibel gehört der Weinstock. Er steht für eines der edelsten Getränke – bis heute. Es gibt große Weinkenner und Weinexperten: beides bin ich nicht.
Weinliebhaber schon eher, obwohl ich außerhalb der Heiligen Messe nur selten Wein trinke. Es ist für mich ein Getränk für die besonderen Momente und Begegnungen.

Weinstöcke begegneten mir im Leben zum ersten Mal auf unseren Urlaubsfahrten mit dem Zug Richtung Bayern. Damals gab es noch nicht die Neubaustrecke Köln – Frankfurt durch den Westerwald. Daher fuhren wir immer am Rhein entlang. Und mittlerweile ist das Obere Mittelrheintal UNESCO-Welterbe. Die Landschaft des Rheins, die Burgen, die Pfalz, die Loreley, Klöster und Wallfahrtsorte – und natürlich die Weinberge sind ein Fest für das Auge. Und der Rheinsteig, der von Bonn nach Wiesbaden verläuft, lässt uns zu Fuß ganz entschleunigt diese wunderschöne Natur erleben.

In Köln hatte ich Wein zunächst nur in Flaschen kennengelernt. Meine erste Sozialpraktikum-Stelle war dann im äußersten Süden unseres Kölner Erzbistums, in Unkel am Rhein (wo Willi Brandt die letzten 13 Jahre gelebt hat und 1992 gestorben ist). Dort gibt es (fast) die nördlichsten Weinberge am Rhein, und Prälat Hermann Weber, der am Kölner Diakoneninstitut lehrte und den ich dort kennenlernte, war selber Hobbywinzer. Später begegneten mir dann in Volkach am Main die guten fränkischen Boxbeutel-Weine kennen, in Trier die Weine der „Bischöflichen Weingüter“, bei Betriebsausflügen Weine aus anderen Anbaugebieten – und unser guter Messwein im Sendungsraum stammt aus Rheinhessen vom Weingut Ruppert-Deginther in Dittelsheim-Heßloch (wenn in diesem Jahr der Auslandsurlaub durch Corona nicht klappt: ein mögliches und lohnendes, vermutlich noch unbekanntes Ausflugsziel!).

Was ich an meinem Heimatland schätze, ist die unglaubliche Vielfalt: Salz- und Süßwassersee, Dünen und Mittelgebirge, Flachland und Alpengipfel, Geschichte und Gegenwart, eine Fülle an Kultur und eine Vielfalt an Natur, die beide unausschöpflich sind. Katholisch und evangelisch, badisch und bayrisch, sächsisch und rheinisch, Klöster und Schlösser – und das Nebeneinander von Bier und Wein. Wir sind kein Entweder – Oder – Land, sondern ein Sowohl – als – auch -Land.
Und darum gehört Wein zu unserer Identität dazu. Er verbindet uns mit vielen anderen Ländern wie Frankreich und Österreich, Spanien und Portugal, Italien und Kroatien… – und mit Israel!

Wer ein wenig in die Bibel hineinschnuppert, wird viele Stellen finden, wo der Wein eine wichtige Rolle spielt: Geschaffen, um das Herz der Menschen zu erfreuen! Wir setzen heute oft bei den Bedenken an. Bei den „Risiken und Nebenwirkungen“. Für Wein gilt das Gleiche, wie für viele andere Dinge auch: Wenn wir das richtige Maß finden, ist er eine wunderbare Gabe Gottes. Voller gutem Geschmack. Ein Getränk für besondere Anlässe. Mit Familie und Freunden. Bei einem stimmungsvollen Abend – wo mehr draus werden kann, aber nicht muss…

Bei uns Zuhause gab es ganz selten Wein. Weihnachten und Ostern, mehr nicht. Manchmal auch im Urlaub, etwa bei einem besonderen Essen. Und selbst wenn ich seit fast 30 Jahren täglich die Heilige Messe feiere: Wein bleibt ein ganz besonderes Getränk. Und wie hätte Jesus den Wein mehr adeln können als dadurch, dass er sein erstes Wunder tat, als er in Kana Wasser in Wein wandelte, und dadurch, dass er Wein in sein Blut wandelt – im Kelch des neuen und ewigen Bundes, für alle vergossen zur Vergebung der Sünden. Tut DIES zu meinem Gedächtnis!

Überall auf der Welt erfüllen wir Christen diesen Auftrag. Mehr noch: für uns ist es ein großes Herzensanliegen, die Feier des letzten Abendmahls zu begehen. Wie großartig, auf diese Weise mit Jesus verbunden sein zu dürfen! Mit Brot und Wein. Alltag und Fest. Zum Leib und Blut Christi geworden durch die Worte der Wandlung. Das große Wunder SEINER Liebe!

Wenn wir in diesen Wochen in etwas ungewohnter Weise die Eucharistie feiern, dann dürfen wir uns nicht an den ungewohnten Bedingungen stoßen. Ohne Mundschutz wäre schöner. Ohne Abstände auch. Und ohne Eintrag in Anwesenheitslisten. Okay – aber ist das wirklich so wichtig? Das Gedächtnis des Herrn wird dadurch in keinster Weise entwertet. Das Geheimnis des Glaubens („Im Tod ist das Leben!“) bleibt. Als ein Schatz, den wir auch in diesen Zeiten entdecken können und dürfen!

Um sich von den Äußerlichkeiten nicht zu sehr gefangen nehmen zu lassen und zum innersten Kern vorzustoßen, empfehle ich Euch das Evangelium vom Weinstock und den Reben. Johannes 15. Hier verdeutlicht Jesus: wir sind selbst der Wein! Wir dürfen wachsen und reifen. Wir sind dazu berufen, reiche Frucht zu bringen. Teil zu werden eines ganz besonders edlen Tropfens! „Reben“, so nennt uns Jesus. Wir wissen aus dem Weinanbau, dass es eine lange Zeit braucht, bis Reben wachsen und erntebereit sind. Und so ist es doch auch bei uns. Wir sind doch nicht fertig. Können uns immer noch weiterentwickeln. Haben Potential. Bis zum letzten Atemzug, unserer eigenen Ernte. Also ein Leben lang. Je mehr die Sonne scheint, desto besser wird der Wein – ein Bild dafür, dass wir im Lichte der Liebe Christi zu etwas ganz Besonderem werden!

Gott, der Winzer. Jesus, der Weinstock. Wir, die Reben: ein Bild, das so wunderbar anschaulich ist. Uns hilft, unsere Berufung neu zu entdecken und zu verwirklichen. Und das ist nichts Kompliziertes. Einfach „bleiben“! „Wer in mir bleibt, und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“
Es gibt soviel Kompliziertes im Leben. Formulare und Datenschutzhinweise. Umsatzsteuerbestimmungen und Allgemeine Geschäftsbedingungen. Steuergesetzgebung und Erstattungsanträge… – Manchmal machen wir uns das Leben überflüssigerweise verflixt schwer. Umso schöner, dass Glauben so erfrischend einfach ist!

Wenn wir mit dem Zug oder dem Auto an Weinbergen entlang fahren, wenn wir an den Weinregalen im Geschäft vorbeikommen – und vor allem wenn wir miteinander die Messe feiern, darf es uns wie ein guter Schluck Wein durch unser Inneres gehen: wir sind etwas Besonderes. Zu Großem berufen! Zum Fest ohne Ende im Reich Gottes!

Machen wir nicht Wein zu Wasser, indem wir an unserer Berufung vorbei leben. Oder das Kostbare übersehen, das Gott in unser Leben hineingelegt hat. Lassen wir uns ein auf IHN,den guten Winzer selbst, der Großes mit uns vorhat: mehr als wir jemals erahnen können!

Euer Pastor Christoph Bersch

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