Wir leben ganz aktuell in Zeiten von Unruhe und Unsicherheit. Was gilt? Was gilt noch nicht?

Liebe Freunde!

Wir leben ganz aktuell in Zeiten von Unruhe und Unsicherheit. Was gilt? Was gilt noch nicht? Was gilt nicht mehr? Lockerungen. Warnungen. Spielplätze haben zu. Männer-Spielplätze (Baumärkte) schon geöffnet. Schulen zum Teil. Friseure demnächst. Und Gottesdienste. Unter Bedingungen. Maskenpflicht. Abstände. Kontaktreduzierung.
Was wie umsetzen? Wie damit umgehen, wenn Regelungen nicht eingehalten werden? Bei Versehen? Bei voller Absicht? Bei falscher Sorglosigkeit?
Drüber hinwegsehen? Selber ansprechen? Das Ordnungsamt anrufen. Dient das dem Wohl der Gesellschaft? Oder ist es Denunzieren?

Das sind Fragen, die sich fast alle stellen. Da ist die Angst vor der unsichtbaren Gefahr. Betroffene reden anders darüber als die, die bislang die Pandemie gesundheitlich noch nicht direkt berührt hat. Wer einen Angehörigen oder guten Freund auf Intensivstation hatte, der mit dem Leben gerungen hat, oder der gestorben ist, oder wer in Krankenhäusern als Mediziner, Pflegepersonal oder Seelsorger arbeitet, der wird angesichts der mehr und mehr zu beobachtenden Leichtfertigkeit nur den Kopf schütteln.

Auch wir Pfarrer stehen vor einer schweren Entscheidungssituation. Wir sehen die Sehnsucht vieler Menschen nach der Heiligen Messe. Nach der Heiligen Kommunion. Wann können wir wieder in der Kirche zur Messe gehen, werden wir immer wieder gefragt.
Viele sind dankbar über die Möglichkeit, die Heilige Messe zum Beispiel jeden Sonntag um 11 Uhr in Wiedenest über YouTube mitzufeiern. Oder in Loope um 9.30 Uhr über Facebook. Das wird auch in den nächsten Wochen so bleiben. Radio und Fernsehen: wir sind nicht vom kirchlichen Leben abgeschnitten. Gerade wer selbst gesundheitlich gefährdet ist oder mit anderen zusammenlebt/für andere sorgt, wer krank ist bzw. zur Risikogruppe gehört, hat dadurch die Möglichkeit, das Wort Gottes zu hören und die Eucharistie, Opfer und Mahl Jesu Christi, mitzufeiern. Nicht in der Gemeinschaft eines Gotteshauses, aber in der Gemeinschaft des Leibes Christi, der Kirche, die selbst Sakrament ist – auch da, wo wir vorübergehend nur über den Bildschirm verbunden sind.

Wie können wir künftig so Gottesdienst feiern, dass wir einander physisch nicht zur Gefahr werden? Nicht alle Seelsorger sind gesund – und letztlich auch gefährdet, wie es die vielen in Norditalien verstorbenen Priester zeigen. Was ist zu beachten, damit wir nicht einer neuen Corona-Welle Auftrieb geben? „Bedenke, was du tust!“ hat mir der Bischof bei meiner Priesterweihe gesagt. Diese Verantwortung als Hirte habe ich, und ich möchte gut damit umgehen: der Herde nicht die spirituellen Lebensgrundlagen, die von Christus uns für die Menschen anvertrauten Sakramente vorenthalten, aber auch nicht in den Gemeinden Gläubige in möglicherweise tödliche Gefahr bringen. Und da vertraue ich Gott – und zwar gerade dort, wo er durch Fachleute, durch Ärzte und Virologen, durch gut und klug abwägende Verantwortliche in Politik und Gesellschaft zu uns spricht.

Ich schaue auch auf Papst Franziskus, den wir als so zugewandten Menschenfreund kennen und der damit eine Wesenseigenschaft Gottes in sein eigenes Leben übersetzt: „Meine Freude ist es, bei den Menschen zu sein“ (Buch der Sprichwörter 8,31). Doch gerade Franziskus lebt uns eine Behutsamkeit und Umsicht vor – leerer Petersplatz, leerer Petersdom, keine Reisen, Achtsamkeit in den Alltagsvollzügen -, die mir ein großes Vorbild ist.

So werden wir gut überlegen. Denn für die anliegenden Entscheidungen braucht es weise Berater, die fähig sind, ohne Schwarz-Weiß-Brille vor Ort Entscheidungen vorzubereiten und durchzuführen, wie es ab Mai konkret weitergeht.

Erstmals erschließt sich mir auf dem Hintergrund der Corona-Krise auch ein Vers aus dem Buch der Psalmen. In Psalm 40, Vers 7 heißt es: „An Schlacht- und Speiseopfern hast du kein Gefallen, Brand- und Sündopfer forderst du nicht. Doch das Gehör hast du mir eingepflanzt.“

Es genügt nicht, einfach die traditionellen Opfer und Bräuche zu wiederholen. „Wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit“ – das bezieht sich alleine auf Gott. Auf seine Ehre!
Aber wir ehren ihn gerade nicht – und da finden wir viele Belege in der Heiligen Schrift! -, indem wir nur bestimmte Rituale wiederholen. Die will Gott dezidiert nicht, wenn nicht mehr dahinter steht. Er hat überhaupt kein Gefallen daran, wie es nicht nur in Psalm 40, sondern auch in anderen Psalmen und bei vielen Propheten heißt.

„Das Gehör hast du mir eingepflanzt“. Ob wir nicht in dieser überlauten Zeit zur seelischen Schwerhörigkeit neigen? Kommt Gott in uns zu Wort? Erkennen wir in uns seine Stimme? Einer meiner geistlichen Lieblingsautoren, Henri Nouwen, hat das eindrucksvolle Buch geschrieben: „Ich hörte auf die Stille.“ Das würde ich vielen Politikern und Medienvertretern wünschen. Vor allem aber wünsche ich es mir selbst! Denn jede Umkehr, auch das Zu-Hören, fängt bei mir selbst an, und in dieser Richtung gibt es auch in meinem Leben viel zu tun. Paulus bringt es auf den Punkt: Der Glaube kommt vom Hören (Röm 10,17). Und da Gott das Gehör „eingepflanzt hat“, so wie wir jetzt im Frühjahr in unseren Gärten pflanzen, müssen wir vielleicht – ähnlich wie die Gärten in dieser Trockenzeit gegossen werden müssen – auch in spirituellen Wüstenzeiten für das innere Hören sorgen.

Psalm 51, den wir immer freitags im Morgengebet der Laudes beten, setzt noch mal einen anderen Akzent: „Schlachtopfer willst du nicht. Ich würde sie dir geben. An Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist. Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.“

Was ist mit einem „zerknirschtem Geist“ gemeint? Und einem zerschlagenen Herz? Jedenfalls nichts, was einfach abgehoben über den Alltagsfragen und -sorgen der Menschen steht. Es ist eine Haltung, die sich zutiefst betreffen lässt. Die schaut: was ist für den oder die anderen wichtig. „Leidenschaftlich leben und glauben“, so nennen es in einem sehr schönen Leitwort die Mitglieder der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands.

Gott ist da, wo wir uns mit allem, was wir haben, reinhängen. Wo wir nicht nur darauf schauen, was es mir, was es uns bringt. Wo wir Gott und Glaube, Gottesdienst und Gebet nicht zum Selbstzweck verkommen lassen. „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie dieser Zöllner dahinten.“ – Jesus selbst sagt, etwas salopp formuliert, dass solche Gebete für die Katze sind. Die bescheiden-demütige Geste des Zöllners, der kaum wagt, seine Augen zu erheben: sie wird von Jesus gelobt: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause. Nur für ihn gilt: Alles richtig gemacht!

Liebe Freunde, die Osterzeit ist nicht nur der Blick zurück auf das Geschehen der Auferstehung, sondern auch der Blick nach vorne auf Pfingsten, das Kommen des Heiligen Geistes. Ich wünsche uns allen, dass es Gottes Geist ist, von dem wir uns in diesen Tagen und Wochen leiten lassen. Die Apostel haben damals in Gemeinschaft um den Heiligen Geist gebetet. Nicht alleine. Sondern mit Maria. Mit den Frauen. Mit den Jüngern. Synodaler Weg von Anfang an!

Helft bitte mit im Gebet! Im gemeinsamen und aufmerksamen Hören auf Gottes Wort. In der Offenheit für das, was sein Geist uns als Gemeinden jetzt sagen will. Angesichts der vielen Entscheidungen, vor und in denen wir aktuell stehen. Danke!

Euer Pastor Christoph Bersch

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