Wie erlebt Ihr die aktuelle Zeit vorsichtigen Lockdowns?

Liebe Freunde!

Wie erlebt Ihr die aktuelle Zeit vorsichtigen Lockdowns?
Im Blick auf Eure persönliche familiäre und berufliche Situation? Auf Kindertagesstätten und Schulen? Auf Besuchsmöglichkeiten in Krankenhäusern und Altenheimen? Auf Restaurantbesuche und Sportveranstaltungen? Und auch auf Gottesdienste und künftige Erstkommunionfeiern?

Ich bin mir sicher: eine Reihe von Euch schütteln den Kopf angesichts von Bildern, die suggerieren, als sei alles wieder ganz wie früher. Abstand – wozu? Rücksichtnahme – so ein Quatsch? Abstruse Theorien befeuern diese Einstellungen – bis hin zu Passanten und Polizisten, die angespuckt werden? Welch ein Egoismus! Welch eine geistige Blind- und Blödheit!

Ich bin mir auch sicher: eine Reihe von Euch schütteln umgekehrt den Kopf, weil ihnen Manches übertrieben erscheint. All die Hygiene- und Desinfektionsregeln. Singverbot. Maskenpflicht. Nach vielen Wochen Besuchsverbot sich nun mit einem Altenheimbewohner – die eigene Mutter, den eigenen Vater – nur durch eine dicke Glasscheibe und weiteren distanzfördernden Schutzmitteln zu sehen, und das auch nur wenige Minuten – oder gar nicht, weil die Besuchszeiten nicht reichen.

Sind wir zu übertrieben ängstlich oder übertrieben leichtfertig? Und in den oben genannten Einrichtungen müssen Mitarbeitende oft Aggression und Frust aushalten, weil es den einen alles nicht schnell genug geht und die anderen zu Mäßigung drängen. Und was im einen Bundesland gilt, gilt im Nachbarbundesland – oder Kreis, oder Kommune, oder Bistum oder Pfarrgemeinde… – so nicht oder wird anders ausgelegt bzw. gehandhabt. Reiseverbot, Reisebeschränkung, Reisewarnung, Reisehinweise… – alleine diese aktuellen Begriffe zeigen, wie tastend wir insgesamt derzeit unterwegs sind.

Jeder Autofahrer kennt unterschiedliche Typen von Beifahrern. Solche, die die Ruhe in Person sind. Die Vertrauen haben. Die sagen: Ich bin nicht der Fahrer. Andere Beifahrer äußern höchstens einen Kommentar, wenn jemand sehr leichtsinnig oder gefährlich unterwegs ist. Tja, und dann gibt es jene, die es immer besser wissen. „Fahr mal was langsamer… Pass auf, hinter der Kurve kommt ein Zebrastreifen… Da vorne ist ein Ortseingangsschild, da darfst du nur 50 fahren… Hättest du eben nicht links abbiegen müssen… Achtung, da vorne ist ein Traktor… Ich hätte den schon längst überholt…“
Welcher Typ Beifahrer sind wir eigentlich?

Gibt es auch „Corona-Beifahrer“? Die es grundsätzlich besser wissen. Oder für die eine Behördenanordnung wichtiger ist als der Glaube an die Auferstehung. Macht es da mal allen recht!
Das spüren wir auch in unseren Gemeinden. Ganz spezielle Menschen treten ausgerechnet jetzt aus der Kirche aus – als wäre nicht gerade in diesen Zeiten Jede und Jeder wichtig, um aus der Kraft des Evangeliums konkret Menschen Mut zu machen! Zu unterstützen. Caritativ und kommunikativ. Mit Verstand, einem wachen Blick und einem liebenden Herzen. Gerade jetzt braucht der EINE Leib der Kirche die VIELEN Glieder, die sich auf ganz vielfache Weise mit Zeit und Zuwendung einbringen.

Gestern erschien in unserer „Oberbergischen Volkszeitung“ ein sehr interessantes Interview mit Reinhard Merkel, emeritierter Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg, langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrates (bis April 2020), sowie Mitglied der Leopoldina. Besonders an einer Frage/Antwort bin ich hängengeblieben:

„Manche glauben an eine bessernde Wirkung der Corona-Krise auf Individuen und Gesellschaften. Sie auch?“ –
„Nein. Was die anthropologische Annahme betrifft, der Mensch sei von Natur aus gut, bin ich Skeptiker. Ich glaube, Immanuel Kant hatte recht mit seinem Satz, der Mensch sei ‚aus krummem Holz‘ geschnitzt. Wir werden nach dem Abflauen der akuten Krise harte Verteilungskämpfe erleben. Und dass wir dank Corona eine bessere, sozialere, moralischere Gesellschaft werden, glaube ich nicht. Eher fürchte ich das Gegenteil.“

Ernüchternd! Findet Ihr das nicht auch? Ob seine etwas düster-skeptische Prognose zutrifft? Zumindest stimme ich mit Reinhard Merkel darin überein, dass es nicht automatisch besser wird. Wir kennen das schon aus dem Alten Testament: Nach den ägyptischen Plagen wurde Besserung gelobt. Waren die Plagen vorbei, waren alle guten Vorsätze und Versprechen vergessen. Das Volk Israel verspricht Gott hoch und heilig seine Treue, doch kaum ist Mose eine Zeit nicht da, gießt man sich ein Goldenes Kalb und betet es an. Manch ein Prophet kann von solchen Rückfällen im Verhalten des Volkes ein ganzes Liederbuch singen.

Und dennoch: Wenn in der Corona-Krise die künftige Situation nicht automatisch besser wird, dann wird sie auch nicht automatisch schlechter! Hinter einem „automatisch“ könnten wir uns alle verstecken. „Es ist halt so.“ „Ich kann ja eh nichts ändern.“ – Genauso nicht!!!

Ich bin überzeugt: es liegt an uns! An jedem einzelnen! Je mehr von uns die (noch immer nicht) hinter uns liegende schwere Pandemie-Krise wirklich reflektieren, desto weniger droht die Gefahr, dass wir wieder allzu schnell in den alten Trott verfallen. Mit Ellenbogen und sozialem Gefälle. Mit struktureller Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur. Den Klimaveränderungen. Der Massentierhaltung. Den Feindbildern und Sündenböcken, die Fanatismus und Rassismus hervorbringen.

Reflektieren bedeutet dabei für uns Christen: Maß nehmen am Evangelium. Am Willen Gottes. Am Vorbild Jesu. An den Früchten des Heiligen Geistes. Paulus benennt sie in seinem Brief an die Galater, die derselben Gefahr verfallen waren, alles zu vergessen, was ihnen Paulus über Freiheit und göttliche Gnade so sehr ans Herz gelegt hatte. So schreibt er:
„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22f.).

Welch eine Perspektive! Und welch ein guter Maßstab – gegen Aggression, Hartherzigkeit, verbales Aufeinander-Eindreschen, Beleidigung, Polemik und Unbeherrschtheit (also „Ausflippen“ aller Art). Wenn wir uns an diesen Schlüsselhaltungen des Apostels Paulus halten, dann können wir Professor Merkel zeigen, dass in uns Menschen nicht nur „krummes Holz“, sondern doch eine Unmenge an gutem Potential steckt! Und: Lassen wir uns nicht anstecken von denen, die immer laut und massiv, polarisierend und suggestiv daherkommen.

Unsere letzten Päpste haben es in einem prägnanten Satz auf den Punkt gebracht: „Baut mit an einer Zivilisation der Liebe!“
Diese Einladung führt uns mitten hinein in das Wesen Gottes, das Liebe ist: „Drei sind in tiefer Liebe eins, in einer Gottheit leben Drei.“

Ich wünsche Euch allen von ganzem Herzen einen schönen, gesegneten Dreifaltigkeitssonntag, und weiterhin Kraft und Geduld, um diese unvergleichbare Zeit gut auszuhalten, zu durchstehen, zu gestalten, zu prägen.

Euer Pastor Christoph Bersch

Weitersagen: