„Wer bist du denn?“ – „Warum rede ich überhaupt noch mit euch?

Liebe Gemeindemitglieder von Oberberg Mitte! Liebe Freunde!

„Wer bist du denn?“ –
„Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen und zu richten.“

Ups, das ist mal ein Jesus-Wort. Zu finden in Johannes 8,25f. Klingt nicht nach dem „lieben Jesulein“, zu dem er bei vielen Menschen degeneriert ist. Oder die immer beim Glauben eines Kommunionkinds – der großartig ist, aber halt noch Entwicklung braucht! – stehen geblieben sind.

Und wenn ich immer nur vom soften und harmlosen Jesus höre, wie soll mich dann der Glaube durch Krisen tragen? Durch Corona-Krisen. Durch Existenz-Krisen. Durch Liebeskummer. Trennungen. Brüche. Seelischen Schmerz. Krankheit. Leid. Die Gewissheit, früher oder später tot zu sein.

Jesus ist nicht harmlos! Und das wussten und wissen die Feinde des Christentums meist viel besser als wir selbst. Warum wurden und werden bis heute Christen verfolgt? Vertrieben? Inhaftiert? Kirchen in Brand gesetzt? Für ein „Wenn einer sagt, ich mag dich, du. Ich finde dich ehrlich gut… Lalalalala.“? Ich singe dieses Lied selbst mit Kindern im Kindergarten. Sozusagen als Einstieg, dass Gott uns mag und wir das Gute bei den anderen entdecken dürfen.

Aber unser Glaube ist doch nicht nur etwas für den Kinderspielplatz. Er muss auch tragen durch die harten Zeiten. Wüsten und Stürme. „Wenn der Wolf kommt“, wie es uns Jesus selbst im Hirtenbild beschreibt. In Versuchungen und Verletzungen, in Versagen und Verfolgung.

Warum gibt es Christenverfolgung? Weil Jesu Wort Sprengkraft hat. Weil es unsere Welt verändert, wenn es gelebt wird. Ja, wenn!

Christen, die aus dem Evangelium leben, wissen um den Wert der Schöpfung. Sie gehen anders mit Pflanzen, Tieren und Menschen um. Ohne falsche Kompromisse für das Leben. Reden nicht von „ökonomischen Sachzwängen“. Sind sich nicht selbst die Nächsten.

Christen lassen sich nicht vereinnahmen. Nicht von rechten oder linken Parolen einlullen. Vor den Karren eines Staates spannen. „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“. Von wegen! Christen erheben ihre Stimme. Setzen sich für Arme, Unterdrückte und Übersehene ein. Spielen bei der Suche nach Sündenböcken nicht mit. Reden den Mächtigen und Einflussreichen nicht nach dem Mund. Gehorchen Gott mehr als den Menschen.

Das ist eine gefährliche Botschaft für die Egomanen, Autokraten und Diktatoren aller Zeiten. Und muss bekämpft werden. – Es sei denn, die Christen sind so verpennt, wie weithin in unseren Regionen. Da ist, entschuldigt den drastischen Vergleich, die Widerstandskraft eines 95-jährigen gegen den Corona-Virus oft größer als die eines getauften und gefirmten Christen beim leisesten Gegenwind.

Letztlich geht es um jene Anfangsfrage: „Wer bist du denn?“. Hier im Evangelium wird sie nicht gestellt aus kindlicher Neugier oder ehrlichem Interessse. Jesus versucht alles, um seinem Volk die Augen für seine Sendung zu öffnen. Durch Worte, Zeichen und Wundertaten. Für sein Kommen für uns Menschen und zu unserem Heil.

Doch sie wollen es einfach nicht hören und sehen. Sich nicht aus ihren Gewohnheiten, Trägheiten und Traditionen herausbegeben. Wer bist du schon? Was hast du uns schon zu sagen? Hör doch auf? Schnüss halde, wie wir Kölner sagen. Söns jitt et jät op de Schnüss.

Gegen diese Verhärtung der Herzen, gegen die taub und gefühllos machenden Vorurteile sagt Jesus in aller Klarheit: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen und zu richten.“

Spürt Ihr den Knackpunkt? Wir meinen, über Jesus richten zu müssen. Ihm vorschreiben, was er zu tun und gefälligst auch zu lassen hat. Gerade da, wo seine Botschaft stört. Nervt. Mich in Frage stellt.

Beispiel: Am Anfang dieses 8.Kapitels bei Johannes steht vor uns die frisch ertappte Ehebrecherin. Super: alle können sich empören! Mit dem Finger auf sie zeigen. Die da! Wo ich doch immer so anständig bin.

Geschissene Pilze! (Um diesen Ausruf meines spanischen Mitbruders Josė zu verwenden, weil er einfach passt!). Jesus entlarvt alle heuchlerische Verlogenheit mit dem Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Ja, die Frau hat gesündigt. Aber wer nicht! Keiner hat das Recht, andere zu verurteilen. Keiner hat die Gerechtigkeit für sich gepachtet. Das ist eine gefährliche Botschaft für alle, die mit genau solchen Einstellungen unterwegs sind. Von der hohen Politik bis zur Nachbarschaft. Ja, bis zu mir selbst.

Nur einer ist unser Richter: Jesus Christus. Einer, der sich vom Richter Pilatus zum Tode hat verurteilen lassen. Vor allem einer, dem wir nichts vormachen können. Und den wir schon gar nicht – wie damals beim Hohen Rat – auf die Anklagebank setzen dürfen. Das Großartige daran, dass Jesus unser Richter ist, liegt in der Tatsache, dass er auch unser Retter geworden ist. Und dass er aus und in Liebe richtet! Nicht in der harmlos-oberflächlichen Weise eines „Habt euch alle lieb!“, sondern in der tiefsten Dimension von Hingabe, die aufs Ganze geht.

Dafür steht das Kreuz. Und hier haben alle Menschen Platz, gerade auch die, die uns in diesen, auf andere Art wenig harmlosen Zeiten besonders am Herzen liegen.

Und weil wir ihm am Herzen liegen, darum redet Jesus auch weiterhin mit uns. Wir auch mit IHM?

Euch allen einen gesegneten Tag. Bringt Jesus das, was Euch bewegt. Erschüttert. Überfordert. Einfach das, was in Euch ist. Und vertraut auf ihn!

Euer Christoph

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