Wenn Ende 2020 das „Wort des Jahres“ verkündet wird

Liebe Gemeinden von Oberberg Mitte!
Liebe Freunde!

Wenn Ende 2020 das „Wort des Jahres“ verkündet wird, dann wird es wohl mit 99%-iger Sicherheit „Corona“ sein. Nichts wird dieses Jahr so prägen wie diese Pandemie mit Ihren Auswirkungen, weit über die unmittelbare Ausbruchs- und Quarantäne-Zeit hinaus.

Ich hätte für das „Wort des Jahres“ einen Ergänzungsvorschlag: „Normalerweise“ in Verbindung mit einem Konjunktiv.

„Normalerweise wären wir jetzt nach … gefahren.“
„Normalerweise würden wir uns an Ostern bei … treffen.“
„Normalerweise hätten wir gemeinsam…“
Wenn Ihr dann noch ergänzt: „… das sei aber jetzt zu gefährlich“, „… das wäre zu schön, um wahr zu sein, gewesen“,
„… das dürfte ein zu großes Risiko darstellen“ usw. – dann könnt Ihr zu wahren Sprachakrobaten des Konjunktivs werden. Bzw. könntet. Oder hättet werden können. Oder würdet die Fähigkeit erlangt haben…

Zurück zum „Normalerweise“. Wir Priester und Diakone des Erzbistums Köln hätten uns heute, am Montag der Karwoche, in unserer Bistumsstadt getroffen. Zum sogenannten „Oasentag“. Normalerweise. Seit dreißig Jahren ist er ein fester Bestandteil in meinem Kalender. Wir kommen als Geistliche zusammen, um noch einmal innerlich aufzutanken. Eben wie eine Karawane in der Oase. Gestärkt durch die Begegnung mit Gott, der uns führt „zum Ruheplatz am Wasser“ (Psalm 23), und durch die brüderliche Begegnung untereinander.

Um 15.00 Uhr begann (bzw. hätte begonnen) für uns alle ein geistlicher Impuls in der Minoritenkirche. Wir haben Anbetung gehalten. Und dann feierten wir mit unserem Bischof als Presbyterium (also hier die Priester des Erzbistums Köln) die sogenannte „Chrisam-Messe“. Als Stadt- und Kreisdechanten vertraten wir dabei die unterschiedlichen Regionen des Erzbistums Köln. Gemeinsam mit dem Erzbischof haben wir Priester dann das Chrisamöl geweiht, mit dem Kinder und Erwachsene bei ihrer Taufe gesalbt werden. Mit dem die Firmung gespendet wird („besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist“). Mit dem Priester bei ihrer Weihe die Hände gesalbt bekommen.

Geweiht – für das ganze Jahr, für das gesamte Bistum – wurde bei dieser Messe auch das Katechumenenöl, das ebenfalls bei der Tauffeier Verwendung finden kann, sowie das Krankenöl, mit dem wir bei der Krankensalbung die Stirn und die Hände salben: „Durch diese Heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, Er stehe dir bei in der Kraft des Heiligen Geistes. Der Herr, der dich von Sünden befreit, er rette dich. In seiner Gnade richte er dich auf.“

Noch etwas gehört zu dieser Chrisammesse, was mir als Priester sehr wichtig ist: die Erneuerung meines Weiheversprechens. Mit all den Mitbrüdern, die ebenfalls im Kölner Dom mit dabei sind. Ähnlich wie in einer Ehe tut es gut, sich an den Anfang zu erinnern. Hier: „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meine Frau/meinen Mann. Ich verspreche dir die Treue.“ – Bei uns: „Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.“
Bei unserem Versprechen als Priester geht es um die Feier des Glaubens in den Gottesdiensten. Um das treue Festhalten am Glaubensbekenntnis der Kirche. Um die Verpflichtung zum Gebet für die uns anvertrauten Gemeinden. Und um den Einsatz für Menschen in Not.

„Normalerweise“ ist zur Zeit nicht. Das gilt auch für heute nachmittag. Keine Begegnung. Alle bleiben zu Hause. Wir sind per Internet mit Köln verbunden. Mehr geht nicht. Aber unsere Berufung dürfen wir auch in „unnormalen“ Zeiten leben. Gerade jetzt! Und ob unser Versprechen trägt – das verbindet uns auch mit Menschen in Ehe und Familie -, wird gerade in Krisenzeiten sichtbar. Denn dann ist es wichtig und unendlich segensreich, wenn wir uns aufeinander verlassen können! Und auf Gott!

Bei der kirchlichen Eheschließung dürfen wir den frisch Vermählten zusagen: „Gott ist treu. Er wird zu euch stehen und das Gute, das er begonnen hat, vollenden.“ Und bei der Weihe sagte uns der Bischof ganz ähnlich: „Gott vollende das gute Werk, das er in dir begonnen hat.“

Ist das Zweckoptimismus? Eine Floskel? Ganz im Gegenteil!
Es ist der tragende Grund, auf dem wir stehen dürfen. Was wir alleine nie hinbekommen würden, das können wir wagen mit Gottes Hilfe. Wo wir an unsere Grenzen kommen, durchbricht Gott diese Grenzen.

Und damit kommen wir zum entscheidenden „Normalerweise“. Denn normalerweise hätte der christliche Glaube nicht die Spur einer Chance gehabt. Jesus war doch gescheitert. Gefangen genommen. Zum Schweigen gebracht. Für immer. Umgebracht am Kreuz. Hundert Prozent tot! Denn diese Folterqualen kann keiner überleben. Und er starb vor Zeugen. Römische Soldaten waren dabei, damit sie wirklich den Tod bestätigen konnten. Und der Lanzenstich in seine Seite hätte Jesus den Rest gegeben, wenn er nicht schon tot gewesen wäre. Jesus ist tot – und damit seine Botschaft vom Reich Gottes auch. Normalerweise.

Denn Gott steht über dem „Normalen“! Für ihn gilt nicht: Das war’s. Schluss. Stop. Ende. Aus (ein unvergessliches Zitat meiner Grundschul-Klassenlehrerin, wenn ihr die Hutschnur platzte). Tot ist tot – das Normalste der Welt. Und genau diese Normalität und das Fatale, das darin enthalten ist („Man kann eh nichts dran ändern. Alles vorbei.“), durchbricht Jesus in seiner Auferstehung. Und die Jünger, die ihn dann erlebten, hatten zunächst Furcht, weil es ja nicht sein konnte. Hatten sie Halluzinationen? Sahen sie Gespenster?

Jesus zeigt ihnen seine Wunden. Er spricht sie an. Er isst mit ihnen. Er gibt ihnen zu verstehen, dass er wirklich lebt. Nicht nur in den vierzig Tagen zwischen seiner Auferstehung und seinem Heimgang zum himmlischen Vater. Sondern alle Tage. Bis zur Vollendung der Welt. Solange wir leben. Und darüber hinaus!

Normalerweise würde man bei einer solchen Botschaft den Kopf schütteln. Sie als Torheit bezeichnen. Sie als Irrlehre bekämpfen. Sie lächerlich machen. Sie als unzeitgemäß abqualifizieren. Gerade in unserer naturwissenschaftlich geprägten, aufgeklärten Gegenwart. Das ist alles schon geschehen. Zu allen Zeiten. Von Anfang an.

Klingt ja auch unglaublich – normalerweise. Die Gretchenfrage – Wie hältst du es mit der Religion – bedeutet hier: Was traust Du Gott zu? Ist er für Dich größer als wir Menschen, oder hältst Du ihn letztlich für eine Erfindung? Wie aber erklärst Du Dir dann diese Welt mit ihrer Farbenfülle und Blütenpracht? Nur Biochemie? Jeder Frühling, jedes neugeborene Kind ist für mich nicht „normal“, sondern ein Wunder der Schöpfung. Des Schöpfers!

Und weil ich von ihm überzeugt bin – und mit mir so viele andere Menschen -, darum kann ich mit ihm sprechen. Darf ihn sogar „Vater“ nennen! ihm mein Leben anvertrauen, bis zum letzten Atemzug und sogar über den Tod hinaus.

„Ostern“ ist alles andere als normal. Aber es ist kein Fest des Konjunktivs. Kein „hätte“, „würde“, „wäre“. Sondern ein IST!
Jesus lebt. Er ist auferstanden. Er durchbricht routinierte Normalität. Er sprengt die Dunkelheit des Todes.

Wie viele Jahrhunderte waren die Alpen eine kaum zu überwindende Grenze (mit Hannibals Elefanten als Ausnahme von der Regel).. Dann wurden Tunnel gesprengt – der Gotthard und der Simplon, der Große St. Bernhard – und gerade wird mit dem über 61 km langen Brennerbasistunnel das längste Tunnelbauwerk der Welt gebaut und ist in wenigen Jahren fertiggestellt. Wenn wir sprengen und neue Wege durch hunderte, ja tausende Meter hohe Berge bauen können, wieviel mehr vermag das Gott.

Was ist in diesen Corona-Wochen schon normal? Das am wenigsten Normale, der Durchbruch des Todes, gibt uns die entscheidende Hoffnung, das unser Leben auf Zukunft ausgerichtet ist. Egal, was sich in den kommenden Monaten alles verändern wird. Wie immer das Wort des Jahres Ende 2020 lauten mag: das entscheidende Wort über alle Jahre und Jahrhunderte hinweg lautet für mich: Auferstehung!

Gehen wir mit dieser österlichen Perspektive in die Kar- und Ostertage! Und wisst Euch, wie immer, gesegnet und getragen im Gebet!

Euer Pastor Christoph Bersch

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