„Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich

Liebe Freunde!

„Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.“

Dieser Satz des Apostels Paulus aus dem 1.Korintherbrief beschäftigt mich heute. Viele kennen ihn. Er klingt einleuchtend. Oft geht es aber ganz anders zu.

„Wenn ein Glied leidet“ – dann kann ich auch wegsehen. Abhauen. So tun, als hätte ich nichts damit zu tun. Sagen: „Glück gehabt, dass es mich nicht getroffen hat.“ Mit-Leid nicht in der oberflächlichen Form, sondern in der wirklichen, bis in die eigene Seele reichenden Ausprägung ist ein besonderes Geschenk. Auch im tiefen Schmerz weiß ich mich nicht allein gelassen. Einer geht mit, der zuhört. Der aushält. Der schweigt, wenn Schweigen das Richtige ist. Der tröstet, wenn ein gutes Wort in die Situation passt.

So durfte es an Ostern Maria von Magdala erleben, die in ihrer Trauer die Stimme Jesu hörte. In einem einzigen Wort, ihrem Namen: Maria!
So durften es an Ostern die Emmaus-Jünger erleben: sie ließen sich gegenseitig nicht alleine. Teilten nicht nur das Erleben mit Jesus, sondern auch die Trauer ohne Jesus – um am Abend zu merken, dass er doch mit dabei war. Nahe dabei, dennoch ganz diskret und unaufdringlich, wie es uns Menschen oft gut tut bei Leiderfahrungen aller Art.

„Wenn ein Glied geehrt wird“ – und alle freuen sich mit, so Paulus. Auch das ist leider nicht immer so? Da gibt es Neid und Eifersucht. Warum werde ich nicht geehrt? Warum bedenkt mich niemand. Immer werde ich benachteiligt. Ich muss immer hinten anstehen.
Wenn Freude auf solche Vorbehalte stößt, oder auf Distanz, oder Gleichgültigkeit, dann gefriert auch die Freude, die ich anfangs empfunden habe. Denn Freude lebt davon, dass es diejenigen gibt, die sich mitfreuen. Ehrlich und von Herzen.

An Ostern ist etwas so Umstürzendes geschehen, dass es eine ganze Zeit gedauert hat, bis Leid zur Freude werden konnte. Bis sich die Erkenntnis Bahn brechen konnte, dass der Grund der Angst und Trauer gar nicht mehr bestand. Der Tote war nicht mehr tot. Er stand lebend vor Ihnen. Mit Haut und Haar, mit seinem Blick und seiner Stimme. Und vor allem mit seinen Wunden.

Heute heißt es im Lukasevangelium: „Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst.“

Freude ist nicht immer „Stand up-Comedy“. Der spontane Witz, die Situationskomik, die unmittelbare Herzlichkeit einer Begegnung sind auch Formen der Freude. Ostern geht es jedoch um etwas Tieferes. Zunächst Unbegreifliches. Und was man nicht nachvollziehen kann, was unerklärlich daherkommt, macht uns Menschen bis heute Angst. Es gibt keine Erfahrungen. Es ist nicht einzuordnen. So war es mit Jesu Auferstehung. Das konnte doch nicht wahr sein. Er war doch tot.

Jesus greift diese Angst auf, und er zeigt ihnen seine Hände und Füße. „Ich bin es selbst.“ Ihr verwechselt nichts. Ihr geht keinem Betrüger (heute würden wir sagen: einer „Verstehen-Sie-Spaß-Kamera“) auf den Leim. Nein, Ihr erlebt, wozu Gott fähig ist. Und dass ihr nicht jahrelang dem Falschen gefolgt seid. Und nicht nur die Worte und Heilungen Jesu voller Hoffnung und Vollmacht waren, sondern sogar der Tod sich als schwächer erwies.

Aber das zu erkennen: das brauchte seine Zeit. Und es durfte auch Zeit haben; denn immerhin war Jesus noch vierzig Tage von Ostern an bei ihnen, um zu zeigen, dass sie sich nicht getäuscht haben. Dass ihnen keiner einen Bären aufgebunden hat. Dass die Auferstehung wirklich geschehen ist.

Aus Angst wird schließlich Freude. Und immer noch der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung: es ist zu schön, um wahr zu sein… „Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.“

Jesus bezeugt seinen Jüngern, dass ER es ist, indem er nicht etwas ganz Außergewöhnliches tut, im Gegenteil.
Er zeigt sich ihnen.
Er spricht mit ihnen.
Er isst mit ihnen.

Meinen wir vielleicht manchmal, wir müssten wer weiß was tun, um Jesus in die Gegenwart zu bringen. Um seine Zeugen zu sein? Und dabei ist es sooooo einfach!

Wir verkünden Jesus, indem wir ihn zeigen. Das, was ihn ausmacht. Seine Güte. Seine Entschiedenheit. Seine Menschenfreundlichkeit. Sein Ausgerichtetsein auf den Vater im Himmel. Menschen spüren, ob wir von Jesus ergriffen oder ob wir Funktionäre sind.

Wir verkünden Jesus, indem wir von ihm sprechen. Nicht aufdringlich. Eher leise, mit Bedacht, so wie Jesus sich Menschen ganz behutsam genähert hat. Im Respekt gegenüber ihrer Freiheit. Im Ertragen und Verzeihen ihrer Fehler. In Geduld und Liebe.

Wir verkünden Jesus, indem wir mit ihm essen. Da denken wir sicher als erstes an die Heilige Kommunion. Jenes Mahl. zu dem er uns einlädt. In dem sein Tod und seine Auferstehung Gegenwart werden unter uns. Sicher ein Höhepunkt unseres Lebens als Christen. Jeden Sonntag Ostern feiern dürfen!

Außer in diesen Wochen. Der Coronavirus lässt uns auch in den kommenden Tagen zur Feier der Eucharistie nicht zusammen kommen. Nur über Fernsehen und Rundfunk, Facebook- oder YouTube-Kanäle. Viele leiden darunter, sehnen sich nach der Eucharistie. Können wir dieses Leiden mittragen? Den Hunger verstehen?

Dass es Hungerwege gibt, zeigt uns Jesus in den vierzig Tagen seiner Wüstenzeit. In den vielen Stunden seiner Passion bis zum Moment seines Todes. Und auch in den Stunden des Unterwegsseins nach Emmaus: denn erst am Ende dieses Trauerwegs erkennen die Jünger Jesus, als er das Brot brach. Ich lade Euch ein, diese Zeit geistlich anzunehmen. Nach einer Zeit des Verzichts schmeckt das, worauf man verzichten musste, ganz besonders gut!

Und wenn auch die Feier der Messe bis mindestens Anfang Mai nicht möglich ist: entdeckt die anderen Möglichkeiten, aus der Fülle Gottes zu leben. Nehmt euch Zeiten der Stille. Des Gebetes. Der Betrachtung. Der Schriftlesung. Zu Hause. Bei einem Spaziergang. In der geöffneten Kirche. Entdeckt Jesus in den Armen. Den Einsamen. In den Kranken. Betet für die, um deren Sorgen ihr wisst. Die euch in der Tageszeitung begegnen, weil sie einen Unfall hatten. Wo Ihr eine Todesanzeige lest. Fragt Eure Freunde und Bekannten: Habt ihr Menschen, für die ich mit Euch beten darf? Oder umgekehrt: Könnt Ihr bitte auch für … beten?

Wenn nach einem bekannten Wort des Hl. Irenäus von Lyon die Ehre Gottes der lebendige Mensch ist, dann besteht Ehrfurcht nicht nur in der Kniebeuge vor dem Tabernakel oder dem Leib Christi, sondern auch in der Achtung vor einem jeden Menschen, der uns als Schwester und Bruder, als Geschöpf Gottes begegnet.

Dieses Mit-Sein, Mit-Gehen und Mit-Leiden, genauso wie das Sich Mit-Freuen, macht auch die Coronazeit zu einer geschenkten Zeit!

Helfen wir einander in der Entdeckung Jesu in unserem Alltag, in der Unterstützung, wo wir einander zum Segen werden können,und in einer geborgenen Nähe durch Freude und Leid.

Euer Pastor Christoph Bersch

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