von Diakon Willibert Pauels

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in der Lesung haben wir es wieder gehört: Das Bild vom Adler, der uns auf seinen Fittichen trägt. Aber ist das nicht eine fromme Lüge, dass Gott uns trägt und vor allem Unglück behütet? Ich hab das Bild erst verstanden, als ich lernte, was es wirklich bedeutet:

Die Menschen der vorchristlichen und auch noch die der frühchristlichen Zeit wussten und beobachteten, wie der Wüstenadler seinen Kindern das Fliegen beibringt. Das war damals so wie noch heute: Hoch oben in der steilen Felsenwand bauen Adler und Adlerin ein Nest. Und wie alle jungen Eltern hoffen sie inständig, Papa und Mama zu werden. Und siehe, es gelingt.

Aus den gelegten Eiern schlüpfen die Jungen. Stellen wir uns nun auch nur ein einziges dieser Adlerjungen vor, gerade aus dem Ei geschlüpft. Es empfindet das, was alle Kinder und jungen Menschen verspüren, die noch bei Mama wohnen und deren Heim und Haus einem Nest gleicht: Da ist man geborgen, geschützt, man bekommt Essen serviert, ist sorglos, glücklich.

So lebt das kleine Adlerkind Tag für Tag sicher im Nest bei Adler-Mama und -Papa. Bis eines Tages die Natur und der Instinkt, der das Leben von Tieren bestimmt, Änderungen verlangt. An diesem Tag, unverhofft und als Schock im behüteten Leben des Adlerkindes, wirft die Adler-Mutter oder der Adler-Vater das Junge aus dem Nest. Es schreit und kreischt, hat Angst und Panik, die Flügel schlagen wild und ohne jeden Nutzen in der Luft, dabei stürzt es an einer steilen Felswand hinab in die Tiefe wie ein Stein. Unten wird sein noch zarter Körper zerschellen. Aber kurz vor dem Boden geschieht es, – der Adler hat das Junge beobachtet und fängt es – nach einem Sturzflug – mit seinen Fittichen auf und trägt es zurück.

Diese Prozedur wird solange wiederholt, bis das Junge etwas Entscheidendes gelernt hat: Ich brauche keine Angst zu haben. Ich werde zwar nicht vor Abstürzen bewahrt, aber zugrunde gehe ich nicht. Und in diesem Augenblick breitet es die Flügel aus und fliegt!

Gott führt nicht in die Überbehütung, sondern in die Freiheit. Und dazu gehört eben auch die Erfahrung der Angst, des Absturzes und der Abgründe. Aber er lässt uns niemals zugrunde gehen. Das bedeutet das Bild vom Adler und seinen Fittichen.

Seien Sie behütet

Ihr Diakon Willibert Pauels

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