Viele Jahre lang gehörte die Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und dem Sonntag danach zu den Höhepunkten im Leben meiner Mutter.

Liebe Freunde!

Viele Jahre lang gehörte die Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und dem Sonntag danach zu den Höhepunkten im Leben meiner Mutter. Da war sie ohne meinen Vater und uns Kindern unterwegs. Da tankte sie auf. Da kam sie innerlich beglückt nach Hause. Denn in diesen Tagen war sie unterwegs nach Trier. Zu Fuß. In einer Pilgergruppe der Nippeser Heimatgemeinde. Ziel war die Basilika mit dem Grab des Heiligen Matthias, dem einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen.

Seit Jahrhunderten machen sich Pilger, viele in den sogenannten Matthiasbruderschaften, auf den Weg nach Trier. Leider ist auch hier in diesem Jahr 2020 alles anders. Keine Fußwallfahrten nach Trier, nach Werl, nach Kevelaer…: die Corona-Pandemie lässt selbstverständlich gepflegte Traditionen nicht zu – und zeigt uns, wie wenig selbstverständlich das scheinbar so Normale ist! Hier erfahren wir es als Pilgergemeinschaft. Und als Gesellschaft. Ja, als Weltbevölkerung. Und irgendwann auch einmal ganz persönlich. Eine Operation, eine Krankheit oder der natürliche Alterungsprozess: irgendwann pilgert man das letzte Mal. Die Kräfte, die Gesundheit lassen es nicht mehr zu. Und eines Tages kommt auch der Weg unseres Lebens an sein Ziel, kommt unser letzter Atemzug. Nicht umsonst gibt es nicht nur Bruderschaften für Wallfahrten, sondern auch die sogenannten St.-Joseph-Bruderschaften für den letzten Weg: Begleitung im Sterben und im Tod.

Nein, ich bin nicht abgeschweift. Denn alle diese Gedanken hängen zusammen und prägen diesen 7.Ostersonntag.

1) Pilgern
Die Erfahrung meiner Mutter, die gestärkt und von Herzen froh jedes Jahr an diesem Sonntag nach Christi Himmelfahrt von der Trier-Wallfahrt zurückkam, dürfen viele Wallfahrer machen – mit welchem Ziel und welchem Fortbewegungsmittel sie auch unterwegs sind Gemeinschaft tut gut. Freude und Mühe zu teilen. Sonnenschein und Hitze. Oder auch eine feuchte Kälte mit Sturmböen und Gewitterschauern. Mit anstrengenden Anstiegen und erfahrener Gastfreundschaft. Mit Beziehungen, die auf dem Weg wachsen, wo Menschen einander ihr Herz öffnen, sich anvertrauen, weil sie sich auf einem gemeinsamen Weg wissen. Vereint im Gebet. Im Aufbruch zu Gott. Keinem abstrakten Gott, sondern einem, der auf unserer Welt Spuren hinterlassen hat. In Jesus. Und in seinen Aposteln. Zum Beispiel in Matthias. Sein Grab führt zum historischen Jesus und gleichzeitig zum auferstandenen Christus!

2) Das Gebet zwischen Himmelfahrt und Geistsendung
Zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten – so hören wir es an diesem Sonntag in der 1.Lesung – versammeln sich die Apostel mit Maria, den Frauen und Brüdern zum Gebet. „Einmütig“, so wird es eigens betont. So wie uns in den Gemeindegottesdiensten das Gebet eint, auch wenn wir alle ganz verschieden sind. Verschieden im Alter, im Geschlecht, in der Herkunft, in den Prägungen, in politischen und kirchlichen Einstellungen, im Charakter… – Im gemeinsamen Gebet aber dürfen wir einmütig sein. Es verbindet uns. Macht uns zur „Gemeinschaft der Heiligen“, weil wir uns beim Beten auf Gott hin ausrichten, DEN Heiligen selbst.
Übrigens sagen uns immer wieder Menschen: Man muss doch nicht in die Kirche gehen. Man kann auch im Wald oder zu Hause beten. Yep! „Müssen“ muss keiner. Die Gemeinschaft derer, die sich um die Apostel versammelt hat, wurde auch nicht gezwungen. Und sie hätten bestimmt zu Hause bleiben können, wo ihre Familien und eine Menge Aufgaben auf sie gewartet haben. Aber sie haben GEMEINSAM um den Geist Gottes gebetet. EINMÜTIG, nicht einsam! Ohne Gemeinde vereinsamen wir spirituell. Wird unser Glaube schnell etwas Selbstgebasteltes. Oder er verflüchtigt sich. Dann fehlt es an geteilter Erfahrung – eben an dem, was Pilger unterwegs miteinander erleben und austauschen dürfen. Ohne Gemeinde, ohne Kirche geht es nicht! Alles andere ist Illusion, Selbsttäuschung.

3) Die Wahl des Apostels Matthias
Dass so viele Pilgergruppen gerade am Sonntag nach Christi Himmelfahrt in Trier ankommen, liegt nicht so sehr am äußeren Grund, dass da ein „Brückentag“ ist – denn die Wallfahrten gab es auch schon, als Christi Himmelfahrt noch gar kein gesetzlicher und für die meisten Menschen arbeitsfreier Feiertag war. Die Zwischenzeit bis Pfingsten nutzte die versammelte Gemeinde, um die Zahl der Apostel wieder aufzufüllen. Die Apostelgeschichte hatte noch einmal alle Namen aufgelistet – und damit gezeigt, dass die von Jesus zu Aposteln Berufenen dieselben sind wie die, die nach der Auferstehung und Himmelfahrt weiterhin zusammen geblieben waren. Bis auf einen: Judas Iskariot, der sich nach seinem Verrat an Jesus aus Verzweiflung umbrachte.
Alttestamentlich die zwölf Stämme Israels: das eine Volk aus vielen Stämmen. Neutestamentlich die zwölf Apostel: das eine Volk aus vielen, ja allen Völkern der Erde. Die Zahl der Vollkommenheit. Die Zahl der Fülle! Um diese Symbolkraft der jungen Kirche ausdrücken zu können, wird ein Nachfolger des Judas gewählt: einer – wie Petrus sagt -, „der die ganze Zeit mit uns zusammen war, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an der er von uns ging und aufgenommen wurde“. Also niemand, der man nur etwas aus zweiter Hand erzählt hat, sondern einer, der Jesus erlebt hat. Und ein Zeuge seiner Auferstehung!

Die Bedeutung dieser Wahl lässt sich für die Kirche bis heute kaum überschätzen. Welche politischen Schachzüge, verwandtschaftlichen Gunsterweise, zweifelhafte Interessen und – auf gut kölsch gesagt – welcher Klüngel hat schon Wahlen in bedeutende Ämter entscheidend beeinflusst. Auch in der Kirche. Gerade bei der Wahl zu einem Amt in der Nachfolge der Apostel, dem Bischofsamt. In der Kirchengeschichte und – leider auch allzu oft! – in der Gegenwart wurden nicht die Kriterien zugrunde gelegt, die für die Wahl des Apostels Matthias galten: Zeuge der Auferstehung. Von Gott berufen und erwählt.

Zu einer Wahl gehört auch, dass einer NICHT gewählt wird, in diesem Fall „Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus“. Der Beiname bedeutet „gerecht“. Will sagen: Er war sicher auch ein geeigneter Kandidat. Bewährt und mit einem guten Ruf. Auch das ist Teil einer Wahl. Es gibt immer auch die, die eine Aufgabe nicht bekommen. Und sie sind keine „Verlierer“, weil es in der Kirche als „Leib Christi“ viele Aufgaben, Begabungen und Dienste gibt, nicht nur das Apostelamt. Leider habe ich auch persönlich schon manches Mal bei anderen Menschen Verbitterung erleben müssen, wenn jemand eine erhoffte Stelle nicht erhielt. Oder einen Ehrentitel. „Warum der und nicht ich?“ Aber welche Rolle spielt das angesichts der alles überragenden Berufung, die wir durch die Taufe empfangen haben? Ich bin von Gott erwählt. Geliebt. Alles andere ist doch am Ende zweitrangig!

4) Das Leben als Pilgerweg
Egal, ob wir zum Grab des Apostels Matthias gehen oder – sehr viel weiter – zum Grab von Jakobus nach Santiago de Compostela pilgern. In beiden Fällen ist das Ziel ein Grab. Denn die Apostel sind tot. Und von ihnen ist nichts übrig als ihre Gebeine. Warum also laufen wir so viele Kilometer für ein paar Knochen? Und warum ist für ein paar Reliquien der Heiligen Drei Könige 632 Jahre lang der Kölner Dom gebaut worden – und bis heute das meistbesuchte Bauwerk Deutschlands? Weil es für uns eben nicht nur Knochen sind! Nicht bloß nostalgischer Überrest einer vergangenen Zeit. Die Apostel stehen für die Auferstehung. Nicht nur für die Auferstehung Jesu, sondern auch für unsere eigene. DAS ist unsere letzte Berufung. Das Ziel unseres Lebens. Der Tod ist das Erreichen dieses Zieles, nicht ein Abbruch für immer.

Wie ich schon sagte: eines Tages kommt das Pilgern an ein Ende. So wie meine Mutter es irgendwann einmal von ihren Kräften her nicht mehr geschafft hat und die Fußwallfahrt nicht mehr antreten konnte. Und eines Tages reichen unsere Lebenskräfte auch nicht mehr aus. Dann kommt der letzte Atemzug auf dieser Erde. ABER: Nun wird Gottes Heiliger Geist unser Lebensatem sein. Und uns so in die himmlische Heimat führen. Lebendig und kraftvoll. Und das ist die Umschreibung für ein Nach-Hause-Kommen in die Gemeinschaft mit Gott. Und hier ist Gottes Geist unser Lebensatem. Als „allgewaltig heilger Hauch“, wie es in einem Lied heißt, als „Heilger Geist, der Leben schafft“. Pfingsten vollendet die Osterzeit. Gottes Geist vollendet und erfüllt unser Leben. Spätestens, wenn wir am Ziel unserer großen, manchmal mühsamen Lebensreise angekommen sind.

Mit dieser so hoffnungsvollen Perspektive wünsche ich Euch für heute einen gesegneten Sonntag!

Euer Pastor Christoph Bersch

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