Schlaf: das ist für mich bis heute ein faszinierendes Phänomen.

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Schlaf: das ist für mich bis heute ein faszinierendes Phänomen.

Zwar vielfach erforscht in Wissenschaft und Schlaflaboren, doch DASS wir schlafen, seit Babyzeiten und wie selbstverständlich durch unser ganzes Leben hindurch, ist phänomenal. Ohne mein bewusstes Hinzutun lebe ich weiter, auch im Tiefschlaf: das Herz schlägt, der Blutkreislauf bleibt bestehen, Verdauungsprozesse und alles, was lebensrelevant ist – und zugleich regenerieren wir im Schlaf, finden neue Kräfte, können deswegen wieder an die Arbeit gehen, weil wir ausgeruht sind. Schlaf ist geradezu eine Facette des Begriffs „Gnade“. Denn hier wird meinem Leben etwas geschenkt, was ich gar nicht selbst leisten muss, und das vom ersten Tag meines Lebens an.

Den Wert des Schlafs erkennen wir meist erst dann, wenn wir auf einmal Schlafstörungen haben. Durch eine Krankheit. Durch Sorgen, die wir mit in den Schlaf nehmen und uns im Bett hin und her wälzen lassen. Durch eine schlimme Schuld und ein schlechtes Gewissen. Durch heftige Alpträume. Oder ohne plausible Erklärung, einfach so. Und statt ausgeruht, ist man beim Wachwerden wie gerädert. Ohne dass es an Alkohol oder anderen Drogen liegt. Ich habe kürzlich eine Frau kennengelernt, die seit Monaten gar nicht mehr geschlafen hat. Das ist genauso unfassbar wie das jahrelange „Wachkoma“, das Menschen durchleben, oft ohne dass sie noch einmal wirklich wach werden.

Was hat es mit dem Schlaf auf sich? Ihr könnt ja selbst weiter darüber nachdenken, zum Beispiel: Warum gibt es den Winterschlaf bei Tieren? Warum nennen wir Sex „miteinander schlafen“, obwohl man da doch (hoffentlich!) hellwach und ganz aufmerksam füreinander ist? Warum haben wir dem Schlaf eine so negative Bedeutung gegeben, indem wir Terroristen in der Zeit des stillen Abwartens „Schläfer“ nennen? Wie kommt es zum Phänomen des Schlafwandelns? …

Ich möchte Euch von der Heiligen Schrift ein paar Gedanken mit in diesen Tag geben.

1) Schlaf ist Teil eines wichtigen Lebensrhythmus. Klar gibt es auch Nachtarbeit, 24-Stunden-Dienste, Mütter von Neugeborenen, die auch nachts für ihr Kind da sind, und außergewöhnliche Situationen, wo an Schlaf nicht zu denken ist. Das sind jene positiven Ausnahmen, die die Regel bestätigen. „Es wurde Abend, und es wurde Morgen.“ Die Zeit dazwischen ist nötig zu regenerieren. Die Tagesstruktur hilft dabei, oder der Tag-und-Nacht-Rhythmus. Um so dankbarer dürfen wir sein, dass Menschen bereit sind, dann zu arbeiten, wenn die meisten von uns schlafen. Z.B. in Schichtdiensten. Das sind unschätzbar wertvolle Dienste, die wir oft viel zu wenig wahrnehmen und würdigen.

2) Schlaf ist ein Geschenk. „Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf“, ein bekannter Satz aus den Psalmen benennt das Wirken Gottes ohne unser Zutun – so wie bei der Saat, die von selbst wächst, oder das Kind, einmal gezeugt, sich im Schoß der Mutter entfaltet. Gott schenkt das Leben. Er ist der Schöpfer. Und wenn ich mich an der Zeugung und Weitergabe des Lebens beteilige: darf ich es dann auslöschen und töten? Darf ich darüber verfügen, etwa in den ersten zwölf Wochen? Oder auch später, nach der Geburt? Oder wenn das Leben sich dem Ende zuneigt? Was Gott uns gleichsam „im Schlaf“ gibt, gilt es zu achten und ehren. Denn es ist unverfügbar oder wie das Grundgesetz sagt, eine unantastbare Würde.

3) „Bleibet hier und wachet mit mir.“ – „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er wiederkommt.“ So sehr der Schlaf eine Gabe Gottes ist, so sehr ist es auch das Wachsein! Es gibt Zeiten des Schlafs – denkt an die Worte von Papst Franziskus am Freitag Abend, wo er das Evangelium vom Seesturm betrachtete -, und es gibt Zeiten, wo es gilt, wach und aufmerksam zu sein. Und vielleicht andere zu wecken! „Herr, kümmert es dich nicht, dass wir hier zugrunde gehen.“ Wir dürfen Jesus wachrütteln, auch und gerade in diesen Tagen, mit dem festen Vertrauen, dass er uns hilft (damit er uns hinterher nicht wie seine Jünger fragen muss: „Warum habt Ihr keinen Glauben?“). Und wir müssen einander wachhalten und notfalls wachrütteln, gerade jetzt, wo die ersten anfangen, es mit dem Zuhausebleiben und den lebenswichtigen Hygieneregeln nicht mehr ganz so ernst zu nehmen.
Damals im Garten Getsemane, unmittelbar vor der Gefangennahme Jesu, haben es die Jünger nicht mal geschafft, eine Stunde zu wachen – und zu beten! Schaffen wir es in diesen Tagen, wach und aufmerksam füreinander, für das Wohl unserer Mitmenschen zu sein? Und für Jesus, der uns sagt: Bittet, dann wir euch gegeben?

4) Ein letzter Gedanke zum Thema „Schlaf“ in der Bibel. Im 1.Buch der Könige im Alten Testament begegnet uns der Prophet Elija, der am Ende ist. Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr. Er legt sich hin und wünscht sich, nicht mehr aufzuwachen. Am nächsten Morgen findet er Essen und Wasser. Und einen Engel an seiner Seite, der ihm sagt: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. – Und Elija fasst neuen Mut, er bricht auf: und am Ende des Weges steht seine Begegnung mit Gott! Nicht in gewaltigen Zeichen wie Sturm, Erdbeben oder Feuer, sondern in einem sanften, leisen Säuseln. Eine Schlüsselszene der ganzen Bibel, die mich immer wieder packt!
Schlaf als Stärkung. Schlaf als Ermöglichung, Gott zu begegnen, in IHN hineinzugehen, gleichsam als Übergang zu neuen Ufern (denkt an das Bild des Christopherus): so wird der Schlaf zum Bild des Todes. Nicht als Alptraum und Schreckgespinst, sondern als Weg zum Vater. Jesus hat, sowohl bei der Auferweckung des Lazarus wie bei der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus, die er zum Leben erweckte, vom „Schlaf“ gesprochen. Und die Leute damals haben es nicht verstanden (wie hätten sie auch – es gab ja noch kein Ostern), ja Jesus ausgelacht.
Doch er hat ihnen gezeigt, dass für ihn als Sohn Gottes der Tod nicht die endgültige Grenze ist. Und so wie wir einen Schlafenden wecken können („Aufstehn! Es ist höchste Zeit!“), so kann und wird Gott uns in der „höchsten Zeit“, dem Übergang von der irdischen Zeit in die himmlische Ewigkeit, auferwecken. Das ist mein fester Glaube. Es ist die Überzeugung, die wir als Christen miteinander teilen dürfen.

Bringen wir heute die vielen Toten durch den Corona-Virus, junge wie alte Menschen, vor Jesus. Und die schwer Erkrankten in den Kliniken und Intensivstationen. Und alle, die an anderen lebensbedrohlichen Krankheiten leiden und die wir gerade jetzt nicht vergessen dürfen!
Beten wir für die Menschen in unseren Altenheimen, die unter der (leider so notwendigen) Isolation besonders leiden, und für alle einsamen Menschen.
Und beten wir für alle, die in diesen Wochen zum Wohl anderer auf Schlaf verzichten, und damit zum Segen werden!

Und wisst Euch alle in mein Gebet eingeschlossen!

Euer Christoph

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