Sagt Euch der Eyjafjallajökull noch etwas? Hätte ich Euch das vor 11 Jahren gefragt, hättet Ihr

Liebe Leserinnen und Leser!
Liebe Freunde!

Sagt Euch der Eyjafjallajökull noch etwas? Hätte ich Euch das vor 11 Jahren gefragt, hättet Ihr wahrscheinlich zurückgefragt: Eyjafjallajökul? Nie gehört! Was soll denn dieses unaussprechliche Wortungetüm bedeuten?

Heute vor 10 Jahren änderte sich das: denn dieser isländische Vulkan brach am 14.April 2010 aus. Gewaltige kilometerhohe Aschewolken spie der Berg in die Luft – und legte für Wochen den internationalen Flugverkehr lahm. „Am hellichten Tag wurde es pechschwarz wie mitten im Winter“, so berichtete eine Einwohnerin aus der Nähe. Ein sechs Zentimeter dicker Ascheteppich legte sich über deren Hof – und die Aschepartikel, die sich über dem europäischen Luftraum verteilten, be-, ja verhinderten dann über Wochen den Flugverkehr.

Ich habe im Jahr darauf auf Island meinen Urlaub verbracht und war dabei auch auf der Insel Heimaej auf dem Eldfell, einem über 200 Meter hohen Lavaberg, den es vor 50 Jahren noch gar nicht gab. Es gehört zu meinen Kindheitserinnerungen, dass es 1973 einen monatelangen Vulkanausbruch auf eine der südlichen Inseln Islands (den „Westmännerinseln“) gab. Mehrere tausend Menschen mussten damals evakuiert werden. Auf Bildern von damals sieht man auch hier eine alles bedeckende Ascheschicht.

Heute erinnert der Berg, dessen Steine immer noch erwärmt sind, an die Macht der Natur – und, wie Vieles auf Island, an die unkontrollierbaren faszinierenden Kräfte unseres Planeten Erde. Vulkanausbrüche, Felsstürze, Erdbeben, Orkane, Hochwasser und Dürren sprechen sichtbar und erfahrbar von den Gefahren, denen wir weltweit ausgesetzt sind. Sprechen von einem Leben auf der Erde, die uns einfach keine letzte Sicherheit versprechen kann.

Und das gilt für die sicht- und erfahrbaren Phänomene, das gilt auch für die unsichtbaren Bedrohungen. In Zeiten von Vollkasko und zahlreichen Ver- und Absicherungen hatten Viele gedacht, wir seien unverwundbar. Eine stabile wirtschaftliche Entwicklung. Private Vorsorge. Beruhigende Ersparnisse. „Immer da, immer nah“ – wie es uns die Versicherung mit dem Schutzengel versprochen hat.

Wie schnell es mit diesen Sicherheiten und Versprechungen vorbei sein kann, haben die letzten Wochen gezeigt. Für viele erschütternd. Bedrohlich. Fast unerträglich. Wir möchten Gewissheiten. Klare Pläne. Zukunftskonzepte. Ein Szenario, das uns so schnell wie möglich wieder an die Zeit vor dem März anknüpfen lässt. Doch wir sind noch nicht soweit. Es ist ein dünnes Seil, auf dem wir balancieren. Zwischen einem zu früh und einem zu spät. Und das Bedrohliche an der Gefahr liegt nach wie vor darin begründet, das der Virus unsichtbar ist. Keine Lavawolken, keine Ascheschichten wie sie vor 10 Jahren der Eyjafjallajökull ausspuckte. Das macht die Geduldsprobe, die uns weltweit zugemutet wird, noch härter.

Auf die Probe gestellt. Das erinnert an jene Lesung aus der Osternacht, mit der nicht wenige Menschen ihre Probleme haben. Jahrzehntelange Geduld musste Abraham aufbringen. „Nachkommen so zahlreich wie der Sand auf Ufer des Meeres“ waren ihm von Gott versprochen worden – und als dann im fortgeschrittenen Alter sein Sohn Isaak auf die Welt kam, da sollte er ihn opfern. Was ist das für ein Gott, der dies verlangt? So kann man sich mit Recht empören. Aber: Genau dieses dramatische Ereignis bringt die entscheidende Wende. „Tue deinem Sohn nichts zuleide!“, so beschwört es geradezu der Engel Gottes, bevor Abraham Hand an seinen Sohn anlegen konnte. – Es ist die endgültige Wende weg von Menschenopfern, wie sie damals, vor viertausend Jahren, fast überall praktiziert wurden, um einen zornigen Gott zu besänftigen.

Nach Abraham finden wir in Israel keine Menschenopfer mehr. Es gibt zunächst noch Tieropfer – damals, am Berg Morija, etwa jenen Widder, der sich im Gestrüpp verfangen hatte und den Abraham statt seines Sohnes opferte. Und noch zur Zeit Jesu wurden am Jerusalemer Tempel Tiere geopfert, zum Beispiel Tauben oder – zum Paschafest – Lämmer.

Seit der Auferstehung Jesu gibt es auch diese Tieropfer nicht mehr. Sie wären auch völlig sinnlos und überflüssig. Denn der Kreuzestod Jesu hat noch einmal alles verändert. Gott braucht nicht besänftigt zu werden. Wir müssen ihm nichts bringen und aufopfern, um ihm zu gefallen. Das wussten schon die Psalmenbeter (Ps 51,18f.): „Schlachtopfer willst du nicht. Ich würde sie dir geben. An Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschtes Herz. Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.“

Wer hing zerschlagen und verblutend am Kreuz? Wessen Herz wurde zerbrochen und durchbohrt? – Jesus selbst hat sich hingegeben! „Als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden“, schreibt Paulus an die Korinther. Menschliche Opfer braucht es nicht mehr. Alles hat Christus selbst schon für uns getan! Isaak ist gleichsam ein Bild für Jesus Christus, der sich hingegeben hat (oder wie es die biblischen Schriftsteller ungeschminkt formulieren: schlachten ließ), damit wir von aller Angst vor Gott, aller Sünde gegen Gott, aller Distanz von Gott erlöst werden.

Deshalb wird in unseren Gottesdiensten nicht mehr geopfert (auch wenn der „Klingelbeutel“ noch Opfer genannt wird: eigentlich total lächerlich), sondern an das Lebensopfer Jesu gedacht, indem es vergegenwärtigt wird. Also in unser Heute hinein gefeiert wird. Für uns. „Damit wir nie vergessen, was SEINE Liebe tut.“

Wenn Messfeiern kindgemäß, familienfreundlich, bunt, abwechslungsreich, lebensnah, lebendig und was auch immer sein sollen (was ja AUCH gut ist), dann darf dabei nicht vergessen werden, dass der Kern der Eucharistie immer das Geschehen des Abendmahlssaals ist. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Und das Geschehen auf Golgota: „Gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“. Und das Geschehen der Auferstehung am dritten Tag: „Da erkannten sie IHN.“

Jesu Kreuz und Auferstehung wurden zum Schlüssel für eine neue Sicht auf Gott. Vertrauen statt Angst. Der liebende Vater statt der zu besänftigende Richter. Liebe, die bis zum Äußersten geht. Ein Gott der Zukunft, der mir Heimat und Leben verspricht.

Und das führt auch zu einer neuen Sicht auf den Mitmenschen. Er ist nicht mein Rivale, mein Konkurrent oder gar mein Feind. Er ist meine Schwester, mein Bruder. Mit der gleichen Berufung und Verheißung unterwegs. Weil Jesus „für euch und für die Vielen“, das heißt für alle, sein Leben verschenkt hat.

Es schenkt mir auch eine neue Sicht auf mich selbst. Ich weiß um mein begrenztes Leben in einer sichtbar wie unsichtbar gefahrvollen Welt. Ich weiß, dass ich mein Leben nicht krampfhaft festhalten kann – und es auch gar nicht brauche. Mein Glaube an Gott, „der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt“, weiß um die unendliche Liebe, mit der er mich umfängt. Und mich begleitet auch durch die Unsicherheiten des Lebens. Durch die sichtbaren Kräfte und Gefahren der Natur. Durch die unsichtbaren Bedrohungen: Viren, Radioaktivität, schleichende Krankheiten, Süchte…

Abraham hat damals in einer fast übermenschlichen, unvorstellbaren Weise darauf vertraut, dass Gott alles zum Guten führt. Und sein Vertrauen hat sich ausgezahlt.
Ob bei unkontrollierbaren Eruptionen unaussprechlicher Vulkane oder bei unvermittelt ins Leben hereinbrechendem unsäglichem Leid: Haltet fest an Gott! Er lässt zwar zu, dass wir von dunklen Erfahrungen nicht verschont bleiben, aber durch seinen Sohn, der auch nicht von Leid und Tod verschont blieb, hat er die Türe in die österliche Zukunft weit aufgerissen.

Denn unter der Asche erwartet uns die Glut seiner Liebe!

Eine weiterhin gesegnete und hoffnungsreiche Osterzeit wünscht Euch

Euer Pastor Christoph Bersch

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