Nach der Heiligen Corona in der Antike und dem Heiligen Johannes Nepomuk im Mittelalter denken wir heute

Liebe Freunde!

Nach der Heiligen Corona in der Antike und dem Heiligen Johannes Nepomuk im Mittelalter denken wir heute an einen besonderen Menschen, dessen Leben bis ins 21.Jahrhundert reicht und der am 18.Mai einen runden Geburtstag feiert.

Nein, es ist nicht Thomas Gottschalk, der heute 70 Jahre alt wird. Er ist zwar auch katholisch und recht originell – doch ob „Wetten dass“ für eine offizielle Heiligsprechung reicht? Wetten, dass nicht…

Neben dem bekannten deutschen Entertainer denken wir heute an Papst Johannes Paul II.!
Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Am 18.Mai 1920 in Wadowice in Südpolen geboren, hatte er keine leichte Kindheit und Jugend: Die Mutter starb, als er acht, der Bruder, als er zwölf Jahre alt war. Als 18-jähriger erlebt er den Einmarsch Deutschlands in Polen und den Beginn des 2.Weltkriegs. Entbehrungsreiche Jahre liegen vor ihm. Er arbeitet in einem Steinbruch und einer Chemiefabrik. Daneben studiert er im geheimen Priesterseminar in Krakau und wird – ebenfalls im Untergrund – am 1.November 1946 zum Priester geweiht.

Es folgen erstaunlich intensive Jahre: Studium in Rom mit abgeschlossener Lizenz 1947 und Promotion zum Doktor der Philosophie „summa cum laude“ (=Bestnote!) im Juni 1948.
1953 wird er mit gerade einmal 33 Jahren Professor für Moraltheologie in Krakau, und fünf Jahre später dort Weihbischof. Zum Erzbischof von Krakau wird er 1964 ernannt, und 1967 wird er mit 47 Jahren Kardinal. Wer sich heute im Kardinalskollegium umschaut, findet zahlreiche Kardinäle, die über 80, ja über 90 Jahre alt sind – aber keinen einzigen, der unter 50 Jahre ist.

Im September 1978 begegnete mir zum ersten Mal Kardinal Karol Wojtyla. Kardinal Stefan Wyszynski von Warschau und er feierten im Kölner Dom ein großes Festhochamt – und ich war dabei! Stehplatz, nicht weit von der Schmuckmantelmadonna entfernt – und nicht ahnend, dass der Krakauer Kardinal wenige Wochen später unser neuer Papst sein würde. Und das war er dann 27 Jahre lang – mein halbes bisheriges Leben!

Ich gehöre zur Generation, die sehr von Papst Johannes Paul II. geprägt ist. Und es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit! Sein Satz am Anfang des Pontifikates: „Reißt die Tore weit auf für Christus!“ hat mein Leben begleitet. Genauso wie der Satz aus seiner ersten Enzyklika: „Der Weg der Kirche ist der Mensch!“ Ja, so muss, soll und darf es sein!

1980 dann der erste Besuch eines Papstes in Deutschland seit mehr als 400 Jahren. Regen von oben, Matsch von unten, Kälte von überall: so war es bei der Messe auf dem Butzweiler Hof mit fast 400000 Menschen. Es war mein 15.Geburtstag: Unvergesslich. So habe ich nie wieder Geburtstag gefeiert.

Keine sechs Jahre später war es umgekehrt: Nun besuchten wir als Priesteramtskandidaten Papst Johannes Paul II. Durften morgens mit ihm die Heilige Messe in seiner Kapelle feiern. Und sie mit modernen Liedern und Gitarrenbegleitung gestalten. Hinterher hat er uns alle persönlich begrüßt: nie wieder bin ich einem Papst so nahe gekommen. Und hier hat sich mir das Bild eines zutiefst geistlichen, ja mystischen Menschen eingeprägt, der – obwohl er so sehr im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand – spürbar und erfahrbar aus der innigen Verbundenheit mit Christus lebte. Das durfte ich schon 1986 erfahren – und in den letzten Jahren seines Lebens, wo die Kraft mehr und mehr nachließ, haben es Millionen Menschen erlebt.

Gerade wir Menschen in Europa, geprägt durch Filme mit hübschen und starken jungen Menschen, geprägt durch Werbung, wo es um Fitness, Kraft, Sex-Appeal und Gesundheit geht, sahen nun einen Papst, der seine körperlichen Schwächen nicht verbarg. Der um jedes Wort ringen musste. Und der vielen gesundheitlich angegriffenen Menschen zeigte: Ihr braucht Euch nicht zu verstecken. Ihr seid genau so wertvolle Menschen, wie jeder andere auch. Ihr könnt Euch sehen lassen!

Was habe ich mit Papst Johannes Paul II. alles erleben dürfen! Hier nur ein paar Beispiele:
– Er suchte die Nähe zu den Menschen. Über 100 Mal machte er sich auf, um den Christen seine Nähe zu zeigen. Ob in Polen oder den Philippinen, wo Millionen Menschen die Gottesdienste mitfeierten. Oder In Nordnorwegen, wo in der Diözese Tromsoe mal gerade 2000 Katholiken, weit verstreut, lebten. Ob in islamischen Ländern oder in Israel, wo jedes Wort, jede Geste zählte. Wo auch immer er war: er gab sich mit seiner ganzen Person, seinem Charisma ein.

– Johannes Paul II. hat die Weltjugendtage „erfunden“. Ihm war die Begegnung mit jungen Menschen zeit seines Lebens wichtig. Und er brachte sie zusammen! Jeder Weltjugendtag war ein Geschenk für diejenigen, die sie erlebt haben. 1993 durfte ich als junger Kaplan (und einem jungen Theologiestudenten, der gerade mit dem Studium fertig war und jetzt Generalvikar unserer Diözese ist) mit einer Gruppe aus Engelskirchen und Gummersbach den Weltjugendtag in Denver besuchen. Wir spürten dort, wie der Funke übersprang. Glaube wurde lebendig. Christus Gegenwart. Und am Altar stand eine moderne Ikone: „Mary of the new adventure.“ Maria, mit dem KInd in ihrem Schoß, ermöglicht den neuen Anfang. Die Ankunft des Messias in unsere Welt. Das Neue Testament beginnt. „Adventure“ lässt sich auch mit Abenteuer übersetzen. Der Glaube; ein großes Abenteuer der Liebe. Im übrigen war auch der Reiseverlauf abenteuerlich – und ich staune heute noch, dass wir alle wieder wohlbehalten zu Hause angekommen sind.

– Der Einfluss von Papst Johannes Paul II. auf die Überwindung des Eisernen Vorhangs kann gar nicht überschätzt werden. Schon sein erster Besuch in Polen war ein Katalysator für Reformen, Veränderungen – und letztlich die Überwindung der kommunistischen Tyrannei. Nie vergessen werde ich auch das Bild, wie Johannes Paul II. bei seinem dritten und letzten Deutschlandbesuch das Brandenburger Tor durchschritt. Als 16-jähriger war ich das erste Mal in Berlin: das Brandenburger Tor war damals unerreichbar. Die Stadt durchschnitten von Zaun und Selbstschussanlagen: nie hätte ich damals gedacht, die Freiheit und Einheit dieser Stadt, ja von Europa miterleben zu dürfen. Dazu hat der Papst entscheidend beigetragen!

– Die Enzykliken von Johannes Paul II. haben meinen Werdegang als Priester und mein Denken stark inspiriert, den Glauben gestärkt und den Einsatz für den konkreten Menschen und die Menschlichkeit im allgemeinen in die Mitte gerückt.
Das war schon so, als ich 1984 mein mündliches Abitur in Religion zur Haltung der Kirche in der sozialen Frage und dem Wert der Arbeit gemacht habe. „Laborem exercens“, das Schreiben von Johannes Paul II., habe ich damals ausführlich studiert. Wieder stand der Menschen und seine Würde im Mittelpunkt.

Ihr merkt: ich könnte immer weiter schreiben: Ob zum Attentat vom 13.Mai 1981 auf dem Petersplatz, ob zum großen Friedensgebet in Assisi am 4.Oktober 1986 mit Vertretern aller großer Religionen, ob zum Heiligen Jahr 2000, wo er uns eingeladen hat: „Duc in altum – Fahrt hinaus!“ oder seinen vollen Einsatz gegen den Wahnsinn eines Nahost-Kriegs, unter dessen Folgen wir, da die Verantwortlichen damals nicht auf die Stimme des Papstes gehört haben, bis heute leiden… ich könnte noch so viel hervorheben, was diesen Papst zu einem wirklich „Großen“ gemacht hat.

Natürlich hatte auch er Schwächen und Grenzen. Etwa völlig verunglückte Bischofsernennungen oder mangelnde Wertschätzung gegenüber bestimmten theologischen Ansätzen – aber wir werden ja nicht heilig, weil wir so perfekt sind, sondern weil Gott Großes an und durch uns wirkt. Auch in und mit unseren Schwächen. Das gilt für einen Papst, das gilt für jeden von uns.

Ich danke Gott bis heute für Papst Johannes Paul II.: als Geschenk für mein eigenes Leben. Und als Orientierung für die Menschen unserer Zeit!

Euer Pastor Christoph Bersch

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