Nach dem Gedenktag der heiligen Corona vorgestern steht auch für den heutigen Tag eine interessante Heiligengestalt im Kalender.

Liebe Freunde!

Nach dem Gedenktag der heiligen Corona vorgestern steht auch für den heutigen Tag eine interessante Heiligengestalt im Kalender. Um ihn ranken sich keine Legenden, und er hat auch 1000 Jahre später gelebt, so dass seine Lebensgeschichte gut bezeugt. Es ist der Heilige Johannes Nepomuk.

Als „Jim-Knopf-und-Lukas-der-Lokomotivführer-Generation“ kannte ich Nepomuk als Kind nur aus dem wunderbaren Buch von Michael Ende als der gute Halbdrache, dessen Mutter ein Nilpferd war und der Jim Knopf und Lukas geholfen hat, in die Drachenstadt zu kommen und die Kaisertochter, Prinzessin Li Si, zu befreien.

Dass Nepomuk auch und zuerst ein Heiliger war, ist mir genau so wenig bekannt gewesen, wie ganz vielen Kindern heute nicht klar ist, dass sie einen himmlischen Namenspatron haben. Nun, man muss ja nicht alles von Anfang an wissen.

Für uns Priester ist Johannes Nepomuk ein wichtiges Vorbild. Er etwa neben Petrus Canisius und Philipp Neri der dritte Patron des Kölner Priesterseminars. Als der langjährige Leiter (Regens) und spätere Weihbischof Dr. Augustinus Frotz starb, hat er eine sehr schöne Figur dieses Heiligen dem Seminar gestiftet. Sie hat in der Seminarkirche einen würdigen Platz gefunden.

Wer war Johannes Nepomuk? Er stammte aus Böhmen, wurde Mitte des 14.Jahrhunderts geboren und 1380 im Prager Dom (wohin wenige Jahre vorher die Reliquien der heiligen Corona gebracht wurden) zum Priester geweiht. Er studierte nach der Priesterweihe Rechtswissenschaften in Prag und Padua. erhielt den Doktortitel, wurde Kanonikus… – ein zunächst ruhiges und unspektakuläres priesterliches Gelehrtenleben. 1389 wurde er dann Generalvikar von Prag. Vier Jahre später kommt es zum Konflikt mit König Wenzel IV. Nepomuk wird gefangen genommen, gefoltert und am Abend des 20.März 1393 von der Karlsbrücke in Prag in die Moldau gestürzt, wo er ertrank (seine Leiche wurde später ans Ufer geschwemmt).

Der Grund für das Martyrium entsprang aber nicht nur irgend einem kirchenpolitischen Konflikt zwischen der Prager Diözese und dem König. Nach der Martyriumsgeschichte in der „Kaiserchronik“ (um 1450 entstanden) des Wiener Chronisten Thomas Ebendorfer, die Grundlage für die spätere Heiligsprechung des Johannes Nepomuk im 18.Jahrhundert wurde, lag der Grund, dass der König so brutal gegen den Prager Generalvikar vorging, vor allem in seiner Weigerung, das Beichtgeheimnis zu brechen. Demnach habe er dem König selbst in der Folter nicht preisgeben wollen, was dessen von Wenzel der Untreue verdächtigte Frau Johanna ihm anvertraut hatte. Deshalb habe Wenzel ihn von der Prager Karlsbrücke ins Wasser hinabstürzen lassen.

Nepomuk begegnet uns nicht nur im Chorumgang des Prager Doms, wo seine sterblichen Überreste in einem Reliquienschein aufbewahrt und verehrt werden, sondern auch auf zahlreichen Brücken – allen voran seit 1693 auf der Prager Karlsbrücke selbst. Er ist der wohl bekannteste Brückenheilige, dargestellt in priesterlicher Kleidung, mit Kreuz und (Sieges-)Palme in der Hand, den Finger an den Mund haltend wegen des bewahrten Beichtgeheimnisses.

Patron ist Johannes Nepomuk besonders für die Priester und konkret aller Beichtväter. Im östlichen Europa wird er zudem als Symbolgestalt des Widerstands gegen religiöse Unterdrückung und Einmischung der Staatsgewalt in kirchliche Belange verehrt.
Ich würde ergänzen: er ist auch besonders der Patron aller, die sich in der Beichte Gott anvertrauen! Über das Bekenntnis gegenüber einem Priester, der sich dem Beichtgeheimnis unbedingt verpflichtet weiß. Ohne Wenn und Aber!

In den sozialen Netzwerken wird dieses Beichtgeheimnis gelegentlich in Frage gestellt oder gar heftig bekämpft. Vermutlich von denen, die selbst nie beichten gehen. Und Vermutungen, geradezu Verschwörungstheorien werden geäußert, als würde sich ein Beichtvater hier mit Verbrechen solidarisieren oder begünstigen, dass Straftäter an der Justiz vorbei sich innerlich reinwaschen. Umgekehrt ist es seit König Wenzel die bleibende Versuchung von Staats- oder Justizbehörden, möglichst alles zu überwachen, alles aufzudecken und ans Tageslicht zu befördern. Noch intensiver betreibt dies aktuell der sogenannte „investigative Journalismus“: Aufdecken, Anprangern. Aber nicht als „Wahrheit, die befreit“, sondern als „Wahrheit“, die bloßstellt. Das kann in Vertuschungssystemen notwendig und wichtig sein (und schließt auch die Kirche nicht aus) – aber es hat in der Beichte nichts zu suchen!

Schauen wir etwas genauer hin:
1) Die Aufgabe eines Priesters in der Beichte ist zu heilen, was verwundet ist. Von Christus her! Sünden sind Wunden der Seele. Manche eher wie kleine Kratzer oder blaue Flecken. Andere haben sich entzündet. Sind chronisch, wie etwa eine Haltung, die das Böse begünstigt, oder das Ausnutzen einer Stärke – körperlich, rhetorisch, mental -, um den anderen bloß zu stellen oder zu verletzen. Oder auch tiefe Wunden, die das ganze Leben prägen. Überall dort, wo wir selbst durch Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, durch seelische Nadelstiche oder schlimmere Verstöße gegen Gott und unsere Mitmenschen handeln, brauchen wir Menschen Heilung, Vergebung, Versöhnung und inneren Frieden. Den Weg dazu hat Jesus seinen Aposteln aufgetragen: „Wem ihr die Sünden vergebet, dem sind sie vergeben.“ Die Form der Beichte oder die durchschnittliche Häufigkeit hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer mal verändert. Der Kerninhalt – Gott vergibt die Schuld durch das Vergebungswort des Priesters – ist geblieben.

2) In der Regel findet die Beichte im Beichtstuhl statt, wo wir Priester den gegenüber knieenden Beichtenden gar nicht sehen. Während der Corona-Pandemie ist das aus hygienischen Gründen nicht möglich. Was aber immer geht, ist das Beichtgespräch in einem ausreichend großen Raum (wie zum Beispiel an jedem Samstag nachmittag in der Sakristei von St. Franziskus, Gummersbach) oder innerhalb des Kirchenraums, wo niemand mithören kann. Auch da gilt, dass niemand seinen Namen sagt oder gar Adresse und Telefonnummer (wie wir es derzeit bei den Messfeiern und anderen Zusammenkünften praktizieren müssen). Wer beichtet, gibt nicht seine Personendaten preis, sondern spricht sich aus, was seine Seele bedrückt und belastet. Als ehrliches Bekenntnis. Und in aufrichtiger Reue. Denn das ist unser menschlicher Anteil an der Beichte. Wie einer das sagt, ist jedem selbst überlassen. Manchem tut es gut, sehr ausführlich zu erzählen. Andere belassen es bei einer kurzen Zusammenfassung. Die einen haben eine „Checkliste“ (also einen sog. Beichtspiegel), andere beichten ganz frei. Hauptsache aufrichtig und authentisch!

3) Sünden sind geschehen und können nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Das kennen wir aus unserem Alltag. Wir haben jemanden mit Worten verletzt. Wir können um Verzeihung bitten, aber die Worte sind gefallen. Ein Kind wurde abgetrieben: die vorgeburtliche Tötung ist nicht zurücknehmbar. Andere Dinge – wie Eigentumsdelikte – können und müssen wir wieder gut machen. Und das gehört mit zu einem Bekenntnis und einer Reue! Die Vergebung kann nur wirksam werden, wenn ich mich meiner Sünde stelle. Und ohne diese Bereitschaft des Beichtenden, für die Folgen seiner Sünde einzustehen, wo möglich, kann keine Lossprechung erteilt werden. Deshalb ergänzt Jesus: „Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ Faktisch kommt das äußerst selten bis gar nicht vor: Denn wer vor Gott, seinem Herrn und Richter, reinen Tisch machen möchte, der ist nicht gleichzeitig ein sophistischer Wortverdreher und gehört gerade nicht zur „Ist-doch-alles-nicht-so-schlimm-Fraktion.“

4) Beichte ist keine Psychoanalyse und keine Psychotherapie. Wir Priester stehen im Dienst Gottes. Im Dienst der Versöhnung. Die Last einer Sünde dürfen wir den Menschen nehmen, indem wir in der Person Jesus Christi (daher tragen wir bei der Beichte als Zeichen unserer priesterlichen Vollmacht die Stola) das Wort „Ich spreche dich los von all deinen Sünden…“ sagen. In der Haltung der barmherzigen Liebe Gottes. Und durch dieses Wort geschieht Vergebung! Das macht das Sakrament aus. Es bewirkt die Heilung der Seele. Die innere Erleichterung. Die Freude darüber, dass uns Gott – wie im Gleichnis des Barmherzigen Vaters – voller Liebe in seine Arme schließt. Uns sagt: Wie du aussiehst, wie dein Inneres beschaffen ist, was du an Peinlichem, Gemeinem, Sündhaftem getan hast: Verziehen! Du bist meine geliebte Tochter! Du bist mein geliebter Sohn! Und zwar jeder einzelne.
Dieses Gefühl, diese persönliche Zulage kann uns keine Bußandacht schenken. Die Erfahrung, dass es um MICH geht. NUR um mich. Dass Gott MICH kennt. MICH heilt. MIR meine Würde zurückschenkt. In ganz liebevoller, intimer, aufrichtender Weise. In diesem geschützten Raum der Beichte, der uns heiiig ist. So heilig, dass Johannes Nepomuk dafür sein Leben gegeben hat. Und uns an tausenden Brücken bis heute daran erinnert.

Was Papst Gregor der Große über Johannes, den Täufer gesagt hat, das passt auch wunderbar zu Johannes Nepomuk: „Johannes war kein Schilfrohr, das im Wind schwankt. Ihn machte weder Gunst zum Schmeichler noch die Schmähung irgend eines Menschen hart vor Zorn. Glück vermochte ihn nicht aufzurichten. Unglück ihn nicht zu beugen. Johannes war also kein Schilfrohr, das im Wind schwankt, er, dessen Standfestigkeit kein Wechsel der Verhältnisse beugte. Lernen wir daher, liebe Brüder und Schwestern, kein im Wind schwankendes Schilfrohr zu sein. Festigen wir den Geist, der den Winden der Zunge ausgesetzt ist! Unbeugsam fest sei der Standpunkt unseres Geistes! Keine Schmähung soll uns zum Zorn reizen, keine Gunst uns zu schlaffer, nutzloser Gefälligkeit beugen. Wohlergehen soll uns nicht eitel machen, Unglück uns nicht verwirren.“

In der Freude über Gott, der uns in allen Schwankungen und Stürmen des Lebens ein fester Anker ist, grüßt Euch

Euer Pastor Christoph Bersch

Weitersagen: