Liebe Christen von Oberberg-Mitte! Liebe Freunde!

Liebe Christen unserer Gemeinden in oberber Mitte! Liebe Freunde!

Heute möchte ich mit Euch eine Frage bedenken, die sich sicher schon viele gestellt haben: Warum gibt es diese Epidemie? Und was können wir als Christen für Antworten finden?
Es gibt zwei gegensätzliche Standpunkte, die man einnehmen kann.
– Corona zeigt – wie alles Leid in der Welt – , dass es Gott entweder nicht gibt, oder aber er zu schwach ist, der Epidemie etwas entgegen zu setzen, oder aber kein liebender Gott ist, da er Menschen so leiden lässt.
– Corona zeigt, dass Gott sich nicht alles gefallen lässt und den Menschen mal ihre Grenzen aufzeigt bzw. die Menschheit für die unzähligen Sünden bestraft.

Über beide Standpunkte könnte man ganze Bücher schreiben; von daher verzeiht, wenn ich nur eine Richtung weise und Euch zum eigenen Weiterdenken ermutige. Gerne könnt Ihr eigene Gedanken oder Fragen hinzufügen.

1.Frage: Ist Gott machtlos? Hilflos? Oder gar zynisch?

Ich bin davon überzeugt, dass es nicht so ist. Mit voller Überzeugung bekenne ich im Credo: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen. Warum aber verhindert er dann keine Krankheiten oder Epidemien? Eine schwere Frage, vielleicht die schwerste überhaupt. Ich denke an meine Eltern. Indem sie mir das Leben geschenkt haben, haben sie mich allen Risiken ausgeliefert: Fieberschübe, Masern, Windpocken, Zahnschmerzen, Lungenentzündung, später Bänderrisse und Nierensteine… – das alles hätten sie mir erspart, wenn ich gar nicht zur Welt gekommen wäre. Ist das aber alles? Gibt es nicht das viele unvergesslich Wunderschöne, das ich sehen und erleben durfte? Und das ich niemals missen möchte! Auch in unseren Krankheiten und Leiden? Haben wir nicht gerade da Zuwendung und Liebe erfahren? Gute Ärzte. Die hingebungsvolle Liebe der Eltern, Freunde, die nach uns fragten und uns alles Gute wünschten. Sie haben mich in schweren Zeiten getragen – und das war und ist unendlich mehr, als wenn ich gar nicht geboren wäre. Daher bin ich meinen Eltern dankbar, dass ich leben darf, obwohl sie mich in eine Welt mit Bazillen und Viren, mit Lug und Trug, mit Hass und Gewalt „hineingeworfen“ (so der Philosoph Heidegger) haben.

Und genauso bin ich Gott dankbar, jeden Tag neu, dass ich leben darf. Auch mit den Unvollkommenheiten in mir und um mich herum. Gerade in Jesu Leidensweg, den wir in diesen Wochen vor Ostern betrachten, sehe ich, dass Gott eben nicht zynisch oder teilnahmslos ist. Er ist ein mit-leidender Gott! Einer, der unsere müden, schmutzigen und verletzten Füße wäscht, der Durst und Verlassenheit, den unerträglichen Schmerz von Schlägen und den Spott anderer kennt und mitträgt. „Musste nicht der Messias all das leiden?“, fragte Jesus die Emmaus-Jünger. Warum er das „musste“, bleibt sein Geheimnis, aber indem er es tat, wurde er zum Trost aller Leidenden aller Zeiten. „Wo bist du, Gott?“ – „Ich bin dir ganz ganz nahe!“
Und es erinnert mich an jene Lungenentzündung, als ich fast zwei Tage schlief, mich mit hohem Fieber hin und her wälzte, und als ich die Augen aufschlug, waren sie da: meine Eltern. Sie hatten mich keine Minute alleine gelassen.

2.Frage: Ist Corona eine Strafe?

Nein, ich schreibe nicht direkt „Nein“: das wäre zu simpel. Ich will es versuchen zu erklären.
Noch am Sonntag hörten wir von der Heilung des Blindgeborenen am Teich Schiloach (Johannes 4). Die Leute damals fragten: Hat der Blinde selbst gesündigt? Oder waren es seine Eltern? Die klare Antwort Jesu: Weder noch! Genauso klar und noch viel eindringlicher: das Buch Hiob. Hiob muss einen schrecklichen Leidensweg gehen, da er seine Kinder durch den Tod verliert und schwerst krank wird. Und dann kommen die verbliebenen Verwandten und Freunde und wollen ihm einreden, dass er ja gesündigt haben müsste. Und wenn nicht, dann solle er doch, bitteschön, Gott verfluchen.
Hiob hat beides NICHT getan. Er hat sich nicht etwas einreden lassen, was nicht wahr ist, und er hat Gott nicht verflucht, im Gegenteil: er hat mit Gott gesprochen, gerungen, ihm sein Herz ausgeschüttet, ihn geradezu angeschrien, warum er das alles durchmachen muss (das kennen wir auch alle aus der Weltschmerz-Zeit der Pubertät und darüber hinaus), aber er hat an ihm in den schwersten Zeiten seines Lebens festgehalten, und am Ende, wenn auch erst nach Monaten und Jahren, wurde es für ihn zum Segen, da Gott alles zum Guten führte.

Das ist noch nicht die Perspektive im Leid selbst. Während der Zahnwurzelbehandlung denke ich nicht daran, dass ich die kommenden Jahre wieder kräftig zubeißen kann, sondern nur: Lass diesen Schmerz am offenen Nerv und das Geräusch des Bohrers und das Knacken der Zange bald vorüber gehen. Und doch gibt es diese größere Perspektive über die schmerzvolle Phase. Und wie sehr gilt das auch für die Zeit des Sterbens (gerade auch für uns als Angehörige und Freunde) – mit der Perspektive von Ostern!

Trotzdem gibt es einen Zusammenhang von Krankheiten und Sünde! Zum einen steht es auf jeder Zigarettenschachtel: eigenes (Sucht-)Verhalten wirkt sich auf die Gesundheit bei mir und anderen (z.B. Passivrauchen) aus. Wir wissen um die globalen Auswirkungen eines Lebensstils, der die Ressourcen unserer Erde überfordert. Und die Globalisierung in Verbindung mit Achtlosigkeit und Leichtfertigkeit kann ebenfalls gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Krankheit ist also nicht automatisch Folge von Sünde, und über jemanden herzuziehen mit den Worten „das hat er bestimmt von…“ oder „das kommt davon, wenn man…“, ist dumm und durch nichts zu rechtfertigen. Es erinnert an den Splitter beim anderen und den Balken im eigenen Auge, den man so gerne übersieht (ein wunderbar anschauliches Bild Jesu).

In Johannes 5 heilt Jesus erneut einen Kranken, wieder an einem Teich, diesmal Betesda. 38 Jahre war dieser Mensch gelähmt und hatte Schmerzen. Ob er sich von Gott vergessen fühlte? Ob er sich manchmal das Lebensende gewünscht hat? Er hat durchgehalten und wurde von Jesus geheilt. Da ist nirgendwo von einer Sünde die Rede, die Ursache wäre für die Krankheit. Nein! Niemals dürfen wir das behaupten oder auch nur denken.
Allerdings sagt Jesus dem Geheilten: Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt.

Daraus ergibt sich ein dreifacher Wunsch für Euch:

– Sprecht mit Gott! Für Euch selbst und Eure eigenen Fragen, und für die anderen, besonders alle Leidgeprüften. Schüttet ihm Euer Herz aus (gröber gesagt: Kotzt Euch aus), aber haltet an ihm fest, und vertraut ihm!

– Haltet durch! Wir haben durch Corona eine lange und schwere Durststrecke. In den Krankheitsverläufen. In der Pflege. In der Versorgung. In der Aufrechterhaltung der notwendigen Dienste. Im erzwungenen Nicht-Arbeiten-Dürfen und in sonst selbstverständlichen Lebensgewohnheiten, die wir nicht dürfen. In der zur Zeit unbeantwortbaren Frage, wie genau es einmal weitergeht.
Aushalten. Innehalten. Zusammenhalten: mehr geht zur Zeit nicht, aber das kann sehr viel sein!

– Lernen wir aus dem, was diese Zeit uns zumutet. Wie 1945, als alles in Trümmern lag. Wir haben gelernt, nicht nur zu hadern, sondern nach vorne zu schauen, neu aufzubauen und Frieden zu schaffen – seit nun 75 Jahren! Bauen wir in Zukunft mit an einer Welt, die nicht auf Lügen, Trennung und Illusionen („Sünde“) aufgebaut, sondern auf Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Solidarität im Sinne der Seligpreisungen Jesu.

Gott geht mit uns. Hören wir auch und vor allem auf seine Stimme!

Es ist lang geworden – danke, dass Ihr es bis zum Ende geschafft habt. Im Herzen und im Gebet mit Euch verbunden grüßt Euch

Euer Pastor Christoph Bersch

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