Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Thema in der Öffentlichkeit eines sozialen Netzwerks und in den Beziehungen

Liebe Freunde!

Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Thema in der Öffentlichkeit eines sozialen Netzwerks und in den Beziehungen, mit denen ich Euch teilweise flüchtig, teilweise sehr intensiv, teilweise seit Jahrzehnten, teilweise erst seit kurzem (oder auch gar nicht persönlich) kenne, mit Euch bedenken kann. Doch warum nicht? Denn sie gehört wesentlich zu meinem und Eurem Leben, zu meiner und Eurer Identität dazu: unsere Sexualität.

Wenn wir in ein Land fliegen und dabei ein Touristenvisum benötigen, wird uns im Flugzeug eine Karte gegeben, die wir dort ausfüllen, um sie dann beim Verlassen des Flughafens und dem Betreten eines visapflichtigen Landes abzugeben: Name, Adresse, Dauer des Aufenthalts… –
Und dann steht da: SEX. Die Antwort ist dann nicht „Ja“ oder „Nein“ , sondern male oder female. Sex im Englischen ist die Frage nach meinem Geschlecht. Ich finde mich vor als Mann oder Frau. Maskulin oder feminin. Mit allem, was dazu gehört. Körperlich und seelisch. Bei mir als Mann mit Stimmbruch, Pubertät, Bartwuchs, Erektion, mit Eigenschaften, die andere seufzen lassen „Typisch Mann“ – oder auch: „So ein Mann, so ein Mann zieht mich unwahrscheinlich an…“

Dass es auch Menschen gibt, die ihre Identität nicht mit ihrem Körper und ihrem Geschlecht in Einklang bringen und teilweise stark darunter leiden, Therapien machen, sich Operationen unterziehen, mit sich ringen – auch das gehört zu jenem unermesslich facettenreichen und faszinierenden, manchmal überfordernden Phänomen menschlicher Sexualität. die wir vielleicht selber gar nicht begreifen können, weil wir eindeutiger empfinden und uns unseres Geschlechts klar bewusst sind. In diesem Fall dauert das Ankreuzen von „male“ oder „female“ beim Visumantrag wahrscheinlich nur eine Sekunde.

Noch nicht lange finden wir in Stellenanzeigen – auch bei Stellen im kirchlichen Bereich, im Caritasverband, bei Küstern etc. – die dritte Kategorie „d“ für „divers“. Darüber kann man sich jetzt echauffieren und das ganze als „Gender-Wahn“ abtun. Andere halten es für die selbstverständlichste Sache der Welt. Und wie so oft liegt die Einschätzung dessen, was „divers“ meint, irgendwo dazwischen.
Es ist eher eine Ausnahme, eine Besonderheit für jemanden, der das nicht so empfindet – und ich werde mich hüten, hier das Wort „normal“ zu brauchen, weil darin schon der Keim von Verletzung und Ausgrenzung steckt. Jeder Mensch, egal wie er denkt, wie er fühlt, wie er sich sexuell erfährt, hat seinen Platz im Heilsplan Gottes!

„Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Gott segnete sie…“ – so heißt es in der neuen Einheitsübersetzung in Genesis 1,27. Mann und Frau, männlich und weiblich: das ist die biblische Grundidentität des Menschen als von Gott geschaffenes und geliebtes Wesen. Mit unseren Geschlechtsmerkmalen. Mit unserem Fühlen und unseren Trieben. Mit unserer sexuellen Ausstrahlung und unserer sexuellen Ausrichtung. Von Gott gewollt und gesegnet! Das ist das biblische Menschenbild. Ist da noch Raum für ein „weder – noch“? Für ein Leben „im falschen Körper“?
Aber: Können und dürfen wir es ausschließen? Die Würde des Menschen – unterschiedslos! – ist unantastbar. Wer sollte das nicht mehr respektieren und leben als wir Christen!

Wenn Gott, wie ich zutiefst glaube, hinter der ganzen Schöpfung steht, die auch in ihrer evolutionären Entwicklung kein Zufallsprodukt ist, sondern seinem Willen entspringt, dann darf ich nicht Menschen verurteilen und verdammen, die – aus welchen Gründen auch immer – anders denken, sich anders erleben, sich auf ihre Weise ausrichten. Jegliche Art von Homophobie muss uns Menschen – die wir ALLE Geschöpfe Gottes sind – fremd sein. Denn SEINE Liebe endet nicht an unserer wie auch immer empfundenen Sexualität.

In der Tat gibt es aber jenen Grundauftrag des Schöpfers, den ich nicht einfach als „zeitbedingt“, „nicht mehr zeitgemäß“ oder „antikem Denken verhaftet“ abtun kann. Wieder Genesis 1, die große Ouvertüre der Heilsgeschichte: „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde.“ Gott, DER Schöpfer aller Dinge, überlässt das Zeugen, das Sich-vermehren, das Füllen und die Erfüllung uns Menschen, ja seiner ganzen Schöpfung. Er legt sozusagen das Glück, Leben weiterzuschenken, für die nächste Generation zu sorgen, sich einander in Liebe hinzugeben und gerade dadurch neues Leben zu erschaffen, in unsere Verantwortung. Sexualität ist ein göttliches Geschenk, eine wunderbare Kraftquelle, die von der Begegnung lebt: nicht in der derzeitigen, vielfach distanziert-flüchtigen Weise einer 2-Meter-Abstands-Regel, nicht in der oberflächlichen Berührung oder dem laschen Händedruck, sondern in der intimsten Form der Vereinigung.

Diese Gabe Gottes ist gleichzeitig eine große Aufgabe. Was mache ich aus dieser Energie, wie ich sie als Mann oder Frau bei mir erleben darf? Wie gestalte ich sie, dass sie wirklich – nach dem großen Schöpfungsauftrag des Anfangs – zum Segen wird, zu einer Quelle neuen Lebens, zur Erfüllung?

Denkt Ihr jetzt: Was weiß dieser zölibatär lebende Priester schon von gelebter Sexualität? Entweder hat er keine Ahnung, und er führt ein Doppelleben. Schade, wenn so von uns Priestern gedacht wird. Beides mag und wird es geben – denn jeder Kölner weiß: Et jitt nix, wat et nitt jitt. – Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber ich bin nicht Priester geworden, weil ich nichts von Sex gehalten habe oder zu blöd, schüchtern und doof war, eine Frau kennen und lieben zu lernen. Etwas Schönes nicht zu leben: eine intime Beziehung, die Gründung einer eigenen Familie – heißt ja nicht, blind für das Schöne zu sein. Und schon gar nicht, andere abzuwerten, oder sich für was Besseres zu halten. Auf etwas – wenn es gelingt – so Schönes und Bereicherndes wie eine Partnerschaft, eine Beziehung mit erfüllter Sexualität zu verzichten, geht nur, wenn es auch einen anderen Weg gibt, der glücklich macht und genau so erfüllend ist.

So durfte ich in den fast 30 Jahren, die ich nun ehelos und damit auch ohne sexuelle Beziehung lebe, die Freude meiner Berufung entdecken. Eine andere Form der Liebe. Eine andere Kraft- und Energiequelle. Oder eigentlich doch keine andere Quelle. Denn hinter jeder Liebe steht Gott. Sex von Menschen, die sich als Mann und Frau bewusst füreinander entschieden haben und das ganz bewusst vor und mit Gott, ist ein Sakrament! Wer sich dem anderen hingibt, sich vereint und verströmt, der wird zum Zeichen der Liebe Gottes! Der setzt das fort, was Gott einmal am Anfang – wann immer dieser auch war – begonnen hat.

Mann und Frau erleben sich mit ihrer eigenen Identität, ihrer eigenen Sexualität, finden aber zusammen und entdecken, dass das eigene Ich erst durch das Du zu seiner wirklichen Erfüllung findet, zu einem Höhepunkt und zwar über den kurzen Höhepunkt eines Orgasmus hinweg. Dieser steht für das Überwältigende, wo nicht mehr Beherrschung, Kontrolle, Disziplin, Ordnung etc. einen Menschen bestimmen, sondern die Extase, die höchste Form von Lust. Liebe braucht solche Höhepunkte.

Und auch das ist ein Bild für Gott: er ist ja kein Langeweiler. Kein Buchhalter. Keiner vom himmlischen Ordnungsamt. Solche Gottesbilder gibt es leider. Ob wir das was falsch gemacht haben? Als Priester? Als Religionslehrer? Als Mutter oder Vater? Gott ist Leidenschaft. Ein Liebhaber des Lebens. Einer, der für uns kämpft. Einer, der sogar „eifersüchtig“ ist – nicht in seiner negativen Bedeutung, sondern der nicht will, dass wir ihn aus den Augen und aus dem Herzen verlieren – wie es manchmal bei Paaren geschieht, die sich einmal leidenschaftlich geliebt haben und sich dann schleichend entfremdet, voneinander distanziert („ne, ich hab keine Lust“ „Komm, lass mich in Ruhe!“) haben. Das ist eine stille Tragödie, genauso wie der Ver-Lust der Liebe Gottes.

Neben der freudigen Lust, der wilden Leidenschaft und dem Begehren, sich zu vereinen, ist eine Frucht der Sexualität auch das Zeugen neuen Lebens. Das Kind als Geschenk der innigsten, intimsten Liebe. Hier wird Liebe konkret. Und deutlich, dass Liebe Neues hervorbringt. Ja, keiner von uns würde existieren, hätten nicht unsere Eltern diese Form sexueller Liebe gelebt – und dann zu uns „Ja“ gesagt, als wir uns, gewollt oder überraschend, ankündigten.

Was sich in der sexuellen Liebe verdichtet, das geschieht auch auf andere Weise. Denn Liebe hat viele Erscheinungsformen. Entfaltet sich auf ganz unterschiedliche Weise. Auch das Leben in einem Kloster, das Leben als Diözesanpriester in der Seelsorge, das Leben im bewussten, Verzicht auf eine intime Beziehung kann erfüllend sein. Weil Gott mich gefragt hat: Christoph, liebst du mich? Willst du mir nachfolgen? Magst du in meiner Kirche von mir Zeugnis geben? Sieben Jahre hat es damals gedauert, von meinem ersten Studiensemester als Priesteramtskandidat bis zur Weihe am 28.Juni 1991. Sieben Jahre, um mich genau zu prüfen: Ist dieser Wunsch echt? Oder nur der Vater des Gedankens? Eine Illusion? Eine Fata Morgana? Doch ich durfte immer wieder – bis zum heutigen Tag erfahren, dass Gott mein Leben begleitet. Mein Liebhaber ist auf eine so ganz andere Weise. Die viele vermutlich für verrückt halten. Wie soll man das auch verstehen? Aber erklär mal einem Blinden Farben. Auch Liebe in all ihren bunt-vielfältigen Farbschattierungen ist nicht rational erklärbar. Warum liebe ich diesen Menschen? Und bei mir: Warum liebe ich Gott?

Das Schöne ist schließlich, dass mein Weg als Priester mir wunderbare Freundschaften ermöglicht hat. Vertrauensvolle und leider auch manchmal zerbrochene Beziehungen. Auch das ist mir nicht fremd. Tiefe Gespräche. Ein Sich Schenken auf nicht-sexuelle Art. Obwohl: letztlich lebt jede Beziehung, wo wir einander unser Herz öffnen, von Ausstrahlung. Der angedeuteten oder lebendig spürbaren erotischen Spannung. Der Freude, dem anderen nahe zu sein.

Das brauchen wir nicht zu verdrängen. Wir dürfen es zulassen. Es macht uns menschlich. Wie Jesus, der geweint und gelacht hat. Der sich seinen Aposteln anvertraut hat. Der sich von einer Frau die Füße salben ließ. Und zuließ, dass an seiner Brust ein Jünger lag beim letzten Abendmahl. Ganz unverkrampft. Zärtlichkeit. Gelebte Nähe. Wunderbar!

Manche Brautpaare wählen als Trauspruch ein Gedicht des Schrftstellers Erich Fried. Fast lapidar, doch voller Tiefe sind seine Worte, die genau so für Priester wie für Liebespaare passen:

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe.

Mit diesen sehr persönlichen Gedanken, die Euch hoffentlich ein klein wenig helfen, einfach JA und DANKE zu sagen für Eure Sexualität und für all die Menschen, die Euch ganz viel geschenkt haben und denen Ihr zum Geschenk geworden seid, grüßt Euch

Euer Pastor Christoph Bersch

Weitersagen: