In dieser Woche bekam ich Post aus dem Kardinal-König-Haus in Wien, wo ich im letzten Sommer an einer Tagung teilgenommen hatte.

Liebe Freunde!

In dieser Woche bekam ich Post aus dem Kardinal-König-Haus in Wien, wo ich im letzten Sommer an einer Tagung teilgenommen hatte. Dem Brief war eine Karte beigefügt mit einem Zitat des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer:
„Man muss sich durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken.“

Stark formuliert und auf den Punkt gebracht!
Da sind die kleinen Gedanken, die einen ärgern. Wer kennt sie nicht? Sie durchziehen unseren Alltag. Morgens nach dem Aufstehen geht es schon los: Wer ist denn da schon wieder so lange im Badezimmer? „Jetzt beeil Dich mal – andere wollen auch noch rein.“ Dann auf dem Weg zur Arbeit. Stau. Der Verkehrsteilnehmer, der nicht aus den Füßen kommt. „Mensch, jetzt mach schon!“ Oder im Zug. Verspätung. Unmögliche Musik aus dem Kopfhörer des Nachbarn. „Muss das sein? Womit habe ich das verdient?“

Und so geht es weiter mit dem täglichen Ärger. Mitarbeiter kommen einem blöd. Das Essen in der Kantine schmeckt nicht, „Mist, jetzt ist auch noch ein Fleck im Hemd wegen der doofen Tomatensauce:“ Die Klimaanlage ist nicht richtig eingestellt. Und dann noch die Warteschleife in der Hotline. „Jetzt geh endlich ran!“ Und dann dieser Corona-Stress. Kapieren die anderen denn gar nichts? „Junge, jetzt zieh endlich die Maske auf!“ Ausgerechnet heute läuft mir Herr/Frau … über den Weg und textet mich zu. Dabei habe ich noch so viel zu tun. Und jetzt nervt mich auch noch meine Familie. Wie: Der FC hat 1 : 2 gegen Union Berlin verloren? – Ärger, wo man hinschaut…

Wie geht es Euch damit? Sagt Ihr: Ich bin eigentlich ein total gelassener Mensch. Da stehe ich drüber. Chapeau!
Oder findet Ihr Euch an der ein oder anderen Stelle wieder? Mir geht es so, dass ich mich manchmal genervt und dünnhäutig erlebe – und ich treffe immer wieder sehr genervte Menschen. Gelegentlich hilft ein Lächeln – oder aber es kommt: „Was grinsen Sie mich so blöd an?“ Gelegentlich hilft Humor – oder aber es kommt: „Sie nehmen mich wohl nicht ernst?“ Gelegentlich hilft die Weisheit des Satzes „Der Klügere gibt nach“ – oder aber es kommt: „Wenn Sie das noch einmal machen…“ – Und dann bleibt auch der gelassenste Mensch irgendwann nicht mehr unberührt.

Gut, dass Bonhoeffer nicht bei den kleinen Gedanken, die einen ärgern, stehen bleibt. Er spricht von dem „immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken“.
Dazu möchte ich Euch (und mich) heute ermutigen!

Beispiel: Wenn mich im Sommer eine Mücke sticht, dann ärgert mich das. Eigentlich aber ist es ein Zeichen, dass ich lebe. Dass ich ein gutes Gespür habe. Oder wenn ich ein leicht versalzenes Essen habe, dass ich funktionierende Geschmacksnerven habe. Und zudem nicht zu den MIllionen Menschen gehöre, die so arm sind, dass sie gar keine Mahlzeit bekommen. Oder wenn das Bad besetzt ist, dass ich nicht isoliert und alleine lebe, sondern eine Familie habe.

Bei manchen Menschen scheint es so, dass sie sich immer nur am aufregen, am ärgern sind. Sie sind übel launig. Nichts kann man ihnen recht machen. Man sieht sie nie lächeln. Oder Danke sagen. Wie arm!

Bonhoeffer lädt uns ein, die große Perspektive zu sehen. Das Leben, das uns geschenkt ist, mit seinem ganzen Reichtum. Und dazu gehören vor allem auch die Menschen, die mit uns leben. Für uns da sind. An unserer Seite stehen. Uns umarmen. Sich Zeit für uns nehmen. Vielleicht auch mal liebevoll korrigieren.

Und für mich gehört Gott zu den ganz großen Gedanken!
Er, der Ur-Grund meines Lebens, mein Begleiter und Beistand, für den ich zutiefst dankbar sein darf. So wie ich es bei Maria sehe: „Sie bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ Sie singt nicht das Lied der Klage über die schwierigen Lebensumstände in Nazareth, über die beschwerliche Reise nach Betlehem, über die Geburt im Stall, über die Flucht nach Ägypten, über Jesus, der manchmal so anders ist, wie sie sich das vorstellt (so, wie es ALLE Mütter und Väter erleben!):
Nein: sie singt das Magnificat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“

Was ist angesichts dieses Gottes, der uns so sehr liebt, sich uns zuwendet und in Jesus unser Retter geworden ist, schon der kleine Alltagsärger! Klar: Mückenstiche, besetzte Badezimmer, Staus auf der Autobahn, Flecken in der Bluse, die nervenden Familienangehörigen… kann man nicht einfach weglächeln. Aber sie sollten sich auch nicht so im Herzen einnisten, dass für das Große, Beglückende kein Platz mehr ist.

Öffnet Euch für das so viel Größere! Für das, was Euch stärkt, ermutigt und mit Dankbarkeit im Herzen erfüllt! Mit dieser Perspektive gewinnen wir so viel dazu!

Danke, lieber Dietrich Bonhoeffer, für diesen kostbaren Gedanken: „Man muss sich durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken.“

Das wünscht Euch allen von Herzen

Euer Pastor Christoph Bersch

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