In den ersten Tagen der Karwoche wird uns in den Evangelien von

Liebe Gemeinden von Oberberg Mitte!
Liebe Freunde!

In den ersten Tagen der Karwoche wird uns in den Evangelien von Judas Iskariot berichtet. Judas – eine tragische Figur unter den Jüngern Jesu. Es lohnt sich, auf ihn zu schauen, so wie ihn uns die Evangelisten beschreiben.

Judas gehörte zu den Zwölf. Dem engsten Kreis der Apostel. Den Vertrauten Jesu. Manches Gleichnis hat er nur ihnen erklärt. Manche Worte nur ihnen anvertraut. Markus bringt die Rolle der Apostel auf den Punkt: „Und er setzte zwölf ein, damit sie mit ihm seien, und damit er sie aussende zu verkünden.“

So dürfen sich auch die Nachfolger der Apostel verstehen: als Menschen, die mit Jesus unterwegs sind. Durch Dick und Dünn. Durch Freud und Leid. Und die sich von ihm dorthin senden lassen, wo sie gebraucht werden. Das gilt für Bischöfe und Priester, letztlich aber für uns alle. Jeder von uns darf und kann die Welt menschlicher und hoffnungsvoller machen, wenn er sich von Jesus rufen und senden lässt.

Soweit die Theorie. Dass die Praxis anders aussieht, sehen wir schon bei den Aposteln. Von wegen „Durch Dick und Dünn.“ Sie waren fortgelaufen, als Jesus gefangen genommen wurde. Petrus sagt dreimal: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Wie heißt es bis heute: Das Hemd saß ihnen näher als der Rock. Erst mal sich selbst in Sicherheit, die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen. „Fründe in dr Nut, jitt et hundert op e Lut.“
Dieser hunderste Freund, der nicht weggerannt ist, war Johannes. Er stand als einziger unter dem Kreuz.

Bei Judas aber war es nicht nur Feigheit und Angst, als es bei der Gefangennahme im Garten Getsemani um Flucht oder Beistand ging. Er wird zum aktiven Verräter. Ohne Not. Aus Gier.

Denn so berichtet Matthäus: „Judas Iskariot ging zu den Hohepriestern und fragte: ‚Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere?‘ Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke. Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.“

Es war keine spontane Emotion. Jesus auszuliefern war von langer Hand geplant. Und er lässt sich auch nicht davon abbringen, als ihn Jesus entlarvt. Als er davon spricht: „Einer von euch wird mich verraten und ausliefern.“ Und dann fragt Judas noch in gespielter Unschuld: „Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus erwiderte ihm. Du sagst es.“

Gespielte Unschuld: wie oft begegnet sie uns im Leben.
Verrat am Ehepartner: „Ich doch nicht.“ „Wie könnte ich dir je untreu sein?“ – Gelogen und betrogen. Tausend und Hunderttausendfach. Oft mit dieser aufgesetzten und damit so unerträglichen Unschuldsmiene.

Verrat am Handelspartner: „Sie können sich hundertprozentig darauf verlassen.“ Gelogen und betrogen. Ob beim Gebrauchtwagen oder beim Kreditvertrag. Auch die Geschäftswelt kennt den Judaslohn: für Geld behaupte ich alles. Gewinnmaximierung ist das höchste Prinzip. Nicht Leistung. Nicht Sorgfalt. NIcht Qualität. „Was gebt ihr mir, wenn ich den Betrieb saniere? Eine hohe Anzahl von Mitarbeitern entlasse? Nicht wegen einer Existenzkrise, sondern um die Dividenden an der Börse zu erhöhen? Silberstücke heißen heute oft „Boni“.

Verrat an Jesus: Was hat er uns Menschen nicht alles im Leben mitgegeben. Unverdient. Und wie viel Grund habe ich, ihm für so Vieles zu danken. Da ich doch so beschenkt bin. Doch dann wird der Glaube versteckt. Beiseite geräumt. Begraben im Alltag. Dann suchen wir nicht mehr nach einer Gelegenheit, ihm nahe zu sein, sondern ihn uns vom Leib zu halten. Am besten für den Rest des Lebens. So wie es Judas dachte, als er sich den Lohn verdiente: mit einem Kuss. Nicht der Freundschaft, sondern des Verrats. „Der, den ich küssen werde, der ist es.“ Wieder das Spiel des Vortäuschens falscher Tatsachen. Perfide. Und tägliche Praxis. Bis zum heutigen Tag.

Jesus findet harte Worte gegenüber dem Verräter: „Wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“ Der Satz trifft! Wir hätten Jesus vielleicht eher zugetraut, dass er beschwichtigt hätte: „Es war ein tragisches Missverständnis.“ Oder: „Er konnte halt in diesem Moment nicht aus seiner Haut.“ Oder: „Es kommt immer, wie es kommen muss.“ – Nein, dieser „Man-muss-doch-für-alles-Verständnis-haben“-Jargon ist das Gegenteil von dem, was Jesu Botschaft an uns ist!

Mit einem „Ist-doch-alles-halb-so-schlimm“ ist noch kein Schwerkranker gerettet worden. Werden letztlich Menschen nicht ernst genommen, die auch für das Schuldhafte in ihrem Leben voll verantwortlich sind.

Und gerade in den genannten Bereichen verfallen wir allzu schnell in die Selbstbeschwichtigung:
„Ist doch nichts Schlimmes. Machen die anderen doch genauso.“ „Jeder ist sich selbst der Nächste. Und ich nehme mir halt, was ich brauche.“ „Wenn es für mich das Beste ist, dann heiligt der Zweck die Mittel.“ – Was für eine Überheblichkeit! Ein Egoismus! Ein Selbstbetrug!

Derjenige, der als erster erkannt hat, dass er sich selbst etwas vorgemacht hatte, war Judas selbst. Er reißt sich gleichsam die Maske von seinem Gesicht, nimmt das Unheil wahr, das er über Jesus gebracht hat. Wörtlich bei Matthäus: „Als nun Judas, der ihn ausgeliefert hatte, sah, dass Jesus verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohepriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe unschuldiges Blut ausgeliefert. Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache. Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.“

Irgendwann geht jeder Maskenball vorbei. Kommen die Sünden der Vergangenheit ins Bewusstsein. Will man nicht mehr mit der Lüge leben. Der Selbstillusion. Judas bringt seinen Lohn zurück. Und dann macht er den Fehler, der noch schlimmer ist als sein Verrat. Er erhängt sich. Weil er verzweifelt ist. Weil er an keine Vergebung, Heilung und Wiedergutmachung mehr glaubt.

Er hält seine Tat für unverzeihlich – und zeitgleich nimmt Jesus am Kreuz alle Taten der Menschen, so gewaltig sie auch sind, auf sich. Um uns genau davon zu befreien. Um uns zu zeigen: Deine Sünde mag unermesslich sein. Meine Liebe ist noch unermesslicher!

Judas hätte das wissen können und wissen müssen. Er war ja im Kreis der engsten Vertrauten Jesu. Aber wie das oft so ist: die engsten Vertrauten werden oft zu den schlimmsten Verrätern. Davon können wir als Kirche ein trauriges Lied singen: Kardinäle, Bischöfe, Priester, Gründer geistlicher Gemeinschaften… Davon können fast alle Familien ein trauriges Lied singen: Ehepartner, Geschwister, nahe Angehörige, engste Freunde…

Verrat ist keine Kavaliersdelikt: das zeigt uns Jesus mit seiner Aussage: Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Runterspielen, billige Ausreden erfinden: nichts Schlimmeres als das! Wenn es von Judas heißt: Seine Tat reute ihn, und er offen bekennt: Ich habe gesündigt – dann ist das die entscheidende menschliche Voraussetzung für das Handeln Gottes. Dann kann und wird ER vergeben, so schlimm unser Handeln auch gewesen ist!

Was ist aus Judas geworden? Ehrlich gesagt: Wir können es nicht wissen. Aber hoffen! Seine Reue und sein Sündenbekenntnis waren echt. Doch seine tiefe Verzweiflung – die auch seine emotionale Nähe zu Jesus zeigt – ließ nicht zu, dass er klaren Kopfes bleib. Und so geht er den Weg zum Galgen. Er erhängt sich. Beim Jüngsten Gericht wird ihn Jesus sicher traurig anschauen. So wie im Garten Getsemani: „Freund, mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?“

Ich vertraue Judas – und so viele andere Menschen mit ihrer auf Erden nicht vergebenen Schuld – der Barmherzigkeit Gottes an. Auf die vertrauen ich voll und ganz! Mehr können wir nicht tun. Und sollten auch nicht spekulieren. Eher dafür sorgen, dass wir vorher reinen Tisch machen. Denn jetzt ist die Zeit der Umkehr und der Versöhnung. Die Zeit eines neuen Anfangs.

Von Herzen grüße ich Euch alle – mit dem Versprechen, für Euch und alle, die Euch am Herzen liegen, zu beten.

Euer Pastor Christoph Bersch

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