Ich bin gerade auf der Belmicke, an der höchstgelegenen Kirche des Erzbistums Köln. 451 Meter hoch und ungefähr genauso viele Einwohner.

Liebe Freunde!

Ich bin gerade auf der Belmicke, an der höchstgelegenen Kirche des Erzbistums Köln. 451 Meter hoch und ungefähr genauso viele Einwohner. Ein wunderschönes Dorf. Pastor dort sein zu dürfen, wo andere Urlaub machen: das ist ein Geschenk. Hier oben erhebt sich die St.Anna-Kirche, die einen Besuch lohnt!

Einige Kilometer Abwärts, im Tal der Dörspe, liegt die Filialkirche, St. Mariä Königin, Wiedenest, von wo wir jeden Sonntag und Feiertag um 11 Uhr die Hl. Messe feiern und live in YouTube übertragen. Was früher einmal weit weg, geradezu abgelegen war, ist in Zeiten heutiger Mobilität und Digitalisierung ganz nah und für jeden zugänglich.

Das erinnert an einen Satz im Römerbrief, den ich tief in meinem Inneren trage: „Das Wort ist dir nahe. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“
Es geht um das Wort Gottes. Kein dahingesagtes Wort. Nicht leer. Nicht banal. Nicht flüchtig. Wir kennen den Wortschwall. Die Inflation von Worten. Gerede. Geschwätz. Gottes Wort ist nichts davon. Es ist, mit den Worten der Psalmen, Licht und Wahrheit. Eine Leuchte für unsere Füße. Es hat, wie es in einem unserer Lieder heißt, „Hoffnung und Zukunft gebracht. Es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“

Bedrängnis, Not, Ängste: das trifft die augenblickliche Stimmung vieler Menschen auf das Genaueste. Mit den uns auferlegten Beschränkungen können viele nicht umgehen. Der Drang, die Sehnsucht nach Nähe kann in unserem Alltag nur sehr eingeschränkt gelebt werden: Bedrängnis.

Not: Sie hat viele Gesichter. Auch versteckte. Alkoholkranke, die rückfällig werden. Wenig Belastbare, die ausrasten oder innerlich verkümmern. Kinder und Frauen, denen Gewalt angetan wird. Selbständige, die ihre Existenz verlieren.Kranke die vergeblich auf Besuch warten. Ihr könntet die Liste sicher weiterführen.

Schließlich die Ängste: Sie haben viele Namen. Viele Gesichter. Viele Ausdrucksformen. Sie sind begründet oder nur Gefühl. Vorübergehend oder dauerhaft. Packen uns in nächtlichen Träumen oder den Realitäten des Alltags. Werden ausgehalten oder bekämpft. Machen uns das Leben schwer. Manchmal sogar zur Hölle.

Bedrängnis, Not und Ängste beschreiben die Abgründe unseres Daseins. Sonst hätten wir schon den Himmel auf Erden. Und sie sind keine Frage des Besitzes. Glück und Frieden können nicht erkauft werden. Mit keinem Geld der Welt.

Es gehört zum Blick auf den Menschen, die Bedrängnisse, Nöte und Ängste zu sehen. In mir. In meiner Familie. In meinen Freunden. Nicht verdrängen, vertuschen oder (scheinbares) vergessen hilft. Es gilt, zu allem zu stehen, was unser Leben über die Jahre und Jahrzehnte geprägt hat.

So ausführlich die dunklen Facetten beschrieben sind, so sehr sind sie „nur“ ein Teil des Lebens. Denn nach der Nacht folgt ein neuer Tag, hinter den dichtesten Wolken erwartet uns (wie wir es bei einem Flug erfahren können) die leuchtende Sonne.

Die Belmicker Kirche, an der ich gerade die Abendsonne genieße, symbolisiert das. Um die Kirche herum wohnen die Bewohner des Dorfes. Sie kennen Freude und Leid, Hitze und Kälte, Tränen vom Lachen und Tränen vom Weinen. Die einen tragen ein Kind in ihrem Schoß und bringen bald einen neuen Erdenbürger zur Welt. Die anderen tragen eine unheilbare Krankheit in sich, verlassen bald unsere Welt und finden dann ihre letzte irdische Ruhestätte in einem Grab des Belmicker Friedhofs.

Was bleibt, wenn nichts bleibt? So lautet der Titel eines Buches, in dem der frühere Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Martini, und der Schriftsteller Umberto Eco einen spannenden Dialog führen.
Die Anna-Kirche steht für das, was bleibt. Steht dafür, dass WIR bleiben: nämlich in der unzerstörbaren und unendlichen Liebe Gottes.

Der Turm der Anna-Kirche zeigt, schon von weitem sichtbar (für den, der ihn sehen will) nach oben – während uns Bedrängnis, Not und Ängste nach unten drücken: „Du wirkst so bedrückt…“
Und wenn wir ins Grübeln kommen, eine bleischwere lähmende Lethargie sich über uns zu legen droht, dann lassen uns die Glocken aufhorchen.
Dreimal täglich erinnern sie daran, dass Gott in unsere Welt gekommen ist. Um sie aus ihren Ängsten und Nöten zu befreien. Ihren Bedrängnissen zu entreißen. Darüber hinaus laden die Glocken zum gemeinsamen Gottesdienst ein. So wie ich ihn eben feiern durfte. Wo wir uns stärken und ermutigen lassen. Durch Gottes Wort. Durch Gottes guten Geist.

Heute zum Beispiel haben wir vom heiligen Philipp Neri gehört. Er lebte im 16.Jahrhundert, als es in der Welt drunter und drüber ging. Glaubenskämpfe, Kriege, Spaltungen. Doch Philipp Neri ließ sich seine Fröhlichkeit und Herzlichkeit nicht nehmen. Mitten in Rom. Er vertraute Gott – das hat ihn innerlich stark gemacht. Und zu einem Anker der Hoffnung bei den Menschen.

Das Wort ist ganz nahe! Ich lade Euch ein, es zu entdecken. Auf den Klang der Glocken zu hören. Oder auf den Gesang der Vögel. Oder Euch von Gottes Wort treffen zu lassen – wenn wir schon andere nicht einfach so treffen können…
Es ist in Deinem Bücherschrank, vielleicht schon etwas verstaubt. Oder im Netz. Gegoogelt unter „Gottes Wort“. Oder „Heilige Schrift“. Oder, noch viel näher, schon in Deinem Mund und in Deinem Herzen. Gott lässt Dich nicht allein!

Euer Pastor Christoph Bersch

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