Heute vor sechs Wochen konnten wir erstmals nicht mehr zum Gottesdienst zusammenkommen. Eine lange Zeit.

Liebe Freunde!

Heute vor sechs Wochen konnten wir erstmals nicht mehr zum Gottesdienst zusammenkommen. Eine lange Zeit. Schon etwas mehr als die biblischen 40 Tage. Jene Spanne, wo die Stadt Ninive Zeit hatte, sich nach den mahnenden Worten des Propheten Jona zu bekehren. Jener Zeitraum, wo der Prophet Elija den weiten Weg durch die Wüste Negev und die Sinai-Wüste zum Gottesberg Horeb zurücklegte, um dort, wo Jahrhunderte vorher Mose die Gebote Gottes empfangen hatte, IHM zu begegnen: in einem sanften, leisen Säuseln.

40 Tage durch die Wüste fehlender Gottesdienste, durch die Leere von Fußgängerzonen, durch die täglichen Abstandsregeln hindurch, durch geschlossene Schulen und Spielplätze, durch streng abgeschirmte Pflegeeinrichtungen, durch die vielen Auflagen des Alltags, durch den Verzicht auf Reisen und normale Gastronomie, durch… – was ist da unsere eigene Bilanz? Hat uns diese Zeit bislang nur genervt, oder hat sie uns zum Nachdenken gebracht? Haben wir, wie manche Verschwörungstheoretiker, gedacht, dass „die da oben“ mich schädigen, mich überwachen, mir Schlimmstes antun wollen und deshalb den Virus quasi erfunden haben?
Oder konnten wir, weil wir nicht mehr im Hochgeschwindigkeitszug unterwegs sind und alles nur noch schnell an einem vorbeigerauscht ist, nun, da wir so abgebremst wurden, wieder neu entdecken, wer zu mir gehört? Wer mir anvertraut ist? Und wem ich wichtig bin? Und wo ich Gottes Spuren finde? Eben nicht in einem hektischen Alltag mit Stau und Stress, sondern „in einem sanften, leisen Säuseln“.

Wie sieht das in meinem Leben aus? Jetzt, nach 40 Tagen. Was ist sanft und leise? Eine wieder neu entdeckte Zärtlichkeit und Behutsamkeit in einer Partnerschaft. In einer Freundschaft. Zeit und Aufmerksamkeit füreinander. Ein neues Zuhören. Ein neues Erspüren bei dem Menschen, dem ich mein Herz geöffnet, meine Liebe versprochen habe. Körperlich und seelisch.

Ich weiß noch, wie ich es als Kind genossen habe, wenn mein Vater mehr Zeit hatte als während des Arbeitsalltags. Wir konnten Radtouren machen. Gemeinsam mit der Modelleisenbahn spielen. Im Herbst Drachen steigen lassen. Und es brauchte einen Urlaub im Allgäu, wo mein Vater mir das Schwimmen beibrachte – mit einer Geduld, die ich oft weniger hatte als er. Oder Bergtouren „unter Männern“ – es sind diese gar nicht spektakulären Dinge, die mir heute, im Rückblick, so wertvoll sind.

Oft ist es gerade die Zeit, die ich nicht bis ins letzte ausnutze, die wertvollste Zeit. Wo wir spielen. Gemeinsam ein Bier oder eine Fassbrause trinken. Klönen. Uns wirklich füreinander interessieren. Im Jubiläumsjahr Musik hören. Beethoven oder Bläck Fööss. Oder was meiner Seele gut tut. Danke sagen.

Die bislang 40-tägige Zeit des durch Corona erzwungenen Verzichts auf Gottesdienste und andere für so selbstverständlich gehaltene Alltagsdinge gibt Gelegenheit, für sich ganz persönlich Rückblick zu halten. Nicht nur auf diese gut sechs Wochen. Auch auf meinen Lebens- und Umgangsstil davor.

Wir wissen aus den Evangelien, dass Jesus selbst 40 Tage gefastet hat. In der Übergangszeit von seinem Leben in Nazareth zu der Zeit, wo er öffentlich verkündete und heilte. Manches Wichtige braucht seine Zeit. Kein Husch Husch, aber auch kein Verschieben auf den St. Nimmerleins-Tag. Sonst fühlen wir uns übersehen oder hingehalten – bzw. geben anderen dieses Gefühl.

Allerdings wird am Ende der 40 Tage diese Fasten- und Wüstenzeit Jesu nicht einfach verklärt. Vielmehr ist bei Matthäus, Markus und Lukas von den Versuchungen Jesu die Rede. Wie ehrlich und lebensnah! Und da geht es gar nicht um sexuelle Versuchungen. Oder „die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“ – vielleicht die beiden ersten Gedanken, wenn uns dieses Wort heute begegnet.

Letztlich ist es der Widersacher Gottes selbst, der Feind des Lebens, der sich bei Jesus einschleicht. Letztlich geht es ihm darum, ihn von Gott zu entfremden. Ich gebe dir alles, wenn du vor MIR niederfällst und MICH anbetest. Verlockend. Zu verlockend. Ich bekomme alles, was ich will! Und ich muss kaum etwas dafür tun. So funktionieren alle Versprechen. Vor allem die falschen.

Der Widersacher Gottes, der Satan, wird in der Bibel „Vater der Lüge“ genannt. Eine gute Lüge funktioniert vor allem dann, wenn man sie gar nicht merkt. Wenn sie sich langsam in uns einnistet, ohne dass wir es merken. Wie ein gewisser Virus dieser Tage, dessen Träger man sein kann, über Stunden, über Tage, über zwei Wochen, ohne dass man es selbst merkt. Und für einen selbst zur Gefahr wird. Wie auch für andere.

„Ich gebe dir alles.“ – Was will man mehr? Und genau das wird zum Schaden. Wo die Lüge alles zersetzt! Wo es das Werk des Satans ist, uns zu entfremden. Indem wir all das nicht mehr tun, wofür Gott steht. „Keine Zeit“ – statt die leisen und kleinen Aufmerksamkeiten mit dem inneren Augen des Herzens zu sehen. „Alles“ haben zu wollen – statt mit dem glücklich zu sein, was für unser Leben wirklich wichtig ist. Vor allem, WER für unser Leben wichtig ist.

Die aktuelle Krise nach 40 Tagen stellt uns noch einmal neu vor die Entscheidung: Weitermachen wie bisher? Eins zu eins anknüpfen an die Zeit „vor Corona“? Oder doch nochmal genauer hinzuhören? Weil Gott etwas Anderes mit mir, mit uns als Gemeinschaft vorhat. Etwas Größeres. Etwas, was unserem Leben besser gut.

Ich wünsche uns jene Entschiedenheit, die Jesus an den Tag legte, als er seine persönliche Fastenzeit durchgehalten hat. Als er den Versuchungen widerstanden hat, auf verlockende, aber falsche Versprechungen reinzufallen. Übrigens mit dem Kompass des Wortes Gottes.

Wie jeder Sonntag ist auch der heutige „Tag des Herrn“ eine allwöchentliche Einladung, das leise Wirken Jesu bei uns zu erspüren. Sich ansprechen zu lassen von seinem Wort. Frieden bei ihm zu finden und weiterzuschenken. Freude und Humor nicht zu verlieren.

Die Umkehrzeit Ninives, die Entdeckungszeit des Elija und die Fastenzeit Jesu dauerten jeweils 40 Tage. Unsere Osterzeit aber 50 Tage! Bis Pfingsten – jenem Tag, als die mit Maria und den Aposteln versammelte Gemeinde erleben durfte, dass alles Warten sich gelohnt hat. Denn der Geist, den Gott über die Menschen brachte, entfremdete nicht, sondern führte zusammen. Ließ Menschen einander verstehen. Gab ihnen Mut, Begeisterung, innere Freude. Die Glut der Liebe!

Einen gesegneten frohen Sonntag wünscht Euch allen

Euer Pastor Christoph Bersch

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