Heute schreibe ich meinen Impuls erst zu abendlicher Stunde. Mich bewegen aktuell einige Menschen, denen

Liebe Freunde!

Heute schreibe ich meinen Impuls erst zu abendlicher Stunde. Mich bewegen aktuell einige Menschen, denen ganz schlimme Schicksalsschläge zugemutet wurden. Die in der Corona-Pandemie und darüber hinaus mit Hiobsbotschaften konfrontiert sind.

Über diesen Hiob möchte ich mit Euch nachdenken.
„Hiob“ ist ein ganz eigentümliches Buch in der Bibel. Es geht nicht um die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, es ist kein Propheten- oder Gebetbuch, keine Lyrik wie das „Hohelied“, auch nicht wirklich ein „Weisheitsbuch“. Es ist eine Auseinandersetzung. Mit Gott. Mit dem eigenen Schicksal, Mit den Abgründen des Lebens.

Als wir in meiner Schulzeit, in der 10. oder 11.Jahrgangsstufe das Buch Hiob besprachen, war mein Interesse daran eher mäßig. Sein Ringen mit Gott und der eigenen Lebenssituation war sehr weit weg für mich. Die Theodizee-Frage stellte sich mir in diesen jungen Jahren noch nicht: Wie kann Gott Leid zulassen? Wie ist das mit der Größe und Güte Gottes vereinbar? Ist es nicht geradezu ein Argument gegen Gott, dass es so viel Schmerzhaftes, Leidvolles, Unerträgliches gibt?

Dennoch war es gut, dass wir damals – mit Hilfe eines engagierten jungen Referendars – das Buch Hiob und das Problem der Theodizee erörtert haben. Denn das Leben – und diese Erfahrung haben die meisten von Euch sicher auch schon gemacht – bringt früher oder später schlimme Schicksalsschläge mit sich. Ohnmächtiges Leid. Abgrundtiefes Entsetzen. Undurchdringlichen Nebel. Ein Loch ins Bodenlose.

Solche Erfahrungen werden bei Hiob beschrieben. Er verliert alles. Seine Familie. Seine Gesundheit. Seinen Besitz. Seine Freunde. Es gibt nichts mehr, woran er sich festmachen kann.
Haltlos wie ein Astronaut, der die Verbindung zum Raumschiff und sich damit ins Nichts des Universums verliert.

Hiob lässt nicht los! Jene Schnur, die Verbindung zur Raumstation ist. Er versteht nicht, warum er solche schlimmen Dinge durchleiden muss. Er hatte sich doch nichts zuschulden kommen lassen. War gottverbunden und menschenzugewandt. Hat gerecht und großzügig gelebt. War das alles umsonst? Konnte Gott wirklich so grausam sein, ihn so leiden lassen (das Buch Hiob verwendet zum Beispiel das Bild von einer scharfen Glasscherbe, mit dem er an seinen eitrigen Geschwüren kratzt).

Kann man tiefer fallen? Es schien kaum möglich – und unzählige Menschen, auf den Schlachtfeldern, in den Pestkrankenhäusern, den Entzugskliniken, den Obdachlosenheimen, den Gestapo-Kellern und den Gulags, in der zerstörten Hoffnung auf Genesung, Heilung und Rettung, haben sich in Hiob wiedergefunden.

Hiob ringt. Er streitet. Er macht Gott Vorhaltungen. Er klagt ihn geradezu an. Er bringt sein ganzes Elend vor ihn. Er hadert mit seinem schrecklichen Schicksal. Und doch: am Ende bleibt er mit dem verbunden, der ihn nicht zerschellen lässt. Der ihn vor dem sicheren schmachvollen Tod bewahrt – wie jemand beim Bungee-Jumping, der hunderte Meter tiefen und heftigen Fall erlebt, dann aber kurz vor dem Aufprall abgebremst wird. Ein „Kick“, den ich persönlich nie erleben möchte. Hier aber ein eindrückliches Bild für das Verlieren des Bodens unter den Füßen, ohne am Ende ungebremst in den sicheren Tod zu prallen.

Manche Kirchenväter sehen in Hiob ein Vorausbild für Jesus. Auch er hatte alles. Er war Gott gleich. Ihm fehlte nichts. Er war vollkommen glücklich in dieser drei-einigen Liebe mit dem Vater und dem Geist. Doch dann begibt er sich – freiwillig! – auf den Weg des Menschen: Nicht willkommen zu sein bei seiner Geburt. Verfolgt zu werden schon als Baby durch König Herodes. Kein Gehör zu finden bei seinem Volk, am wenigsten bei den religiösen Führern, die es am besten wissen müssten. Blut geschwitzt zu haben angesichts der schrecklichen Passion, die vor ihm lag. Verraten, verleugnet, verlassen, verurteilt zu werden. Angenagelt zu sein und zu verbluten. Durchstochen zu werden… – ein zweiter Hiob! Der aber dann nicht, wie Hiob, am Ende vor dem Tod gerettet wird, indem ihm Gott sagt, dass es „nur eine Wette“ gewesen sei mit dem Teufel, der behauptet hatte, er wäre nur deshalb fromm, weil es ihm so gut gehe.

Hiob hat gezeigt, dass er an Gott auch festhielt, als er alles verloren hatte. Und so hat ihm Gott zurückgeschenkt, was ihm genommen war.

Jesus ging noch weiter: „Er trägt das Los, er geht den Weg, er geht ihn bis ans Ende“, dichtete Huub Oosterhuis (in dem Lied: „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde“). Sein Weg mit den leidenden Menschen geht bis ins Äußerste, bis in den Todesschrei und das Grab hinein – und wird so ein Weg FÜR die Menschen, und zwar gerade für die am meisten Leidenden.

Die Theodizee-Frage findet durch Jesus eine unbegreifliche Antwort. Nicht auf die Frage „Warum“. Jesus sagt den Emmaus-Jüngern: Musste nicht der Messias all das leiden? Warum musste er? Warum ging es nicht anders? An dieser Frage haben sich schon die Emmaus-Jünger selbst und alle nachfolgenden Generationen von Christen die Zähne ausgebissen. Theologen sprechen vom „heilsgeschichtlichen Muss“. Die Warum-Frage nach dem Leid beantwortet das nicht.

Es sind nicht die Worte, die Antwort geben. Sie wären und sind immer unangemessen. Und werden es immer bleiben, wie ich selbst bei unzähligen Trauergesprächen an der Seite von Menschen erfahren musste. Der Trost bleibt begrenzt. Dieses Leid, wie es uns bei Hiob in so konzentrierter Form begegnet, und das sich wiederspiegelt in schrecklichen Leiderlebnissen und Schicksalsschlägen heutiger Menschen, konnte nur durch Mit-Leiden im tiefsten Sinne des Wortes ausgelotet und aufgenommen werden.

Wo ist Gott, wenn Menschen leiden? Die Antwort gibt Jesus am Kreuz. Und darum hängt in jedem Zimmer meiner Wohnung ein Kreuz. Als Zeichen für das, was Gott durch Jesus getan hat. Um Euch, um mich von diesem Leid zu befreien, zu erlösen, es zu verwandeln in Leben.

Hiob sagt einen Satz, der ein wenig fatalistisch oder sogar schön gefärbt klingt, wenn man ihn aus dem Zusammenhang reißt. Der aber durch alle schlimmen Erfahrungen hindurch am Ende ein starkes Hoffnungswort ist. Vielleicht für manche zu stark, weil man noch nicht so weit ist. Wie meine Hiob-Unterrichtserfahrung, als ich noch nicht so weit war, mich mit dem Thema „Gott und das Leid“ auseinanderzusetzen.

Dieser Satz des Hiob lautet: „Der Herr hat gegeben. Der Herr hat genommen. Gelobt sei der Name des Herrn.“

Gott zu loben, wenn er gibt: das können wir gut nachvollziehen. Obgleich selbst dann es die meisten von uns eher vergessen. Gott zu loben, wenn er nimmt: das erscheint fast unmöglich.

Zu vertrauen, dass Gott uns nichts wegnimmt, um uns zu bestrafen, sondern – zunächst in der Situation des Loslassen-Müssen fast unbegreiflich – uns etwas Größeres zu schenken und am Ende ein Wiedersehen zu verheißen mit allen, die wir gehen lassen mussten – diese Hoffnung strahlt wie die Morgenröte hinter den Nachterfahrungen.

„Gelobt sei der Name des Herrn.“ Dieser Name heißt Jesus/Jeschua = Gott rettet. Aus diesem Vertrauen auf Gott heraus bin ich Seelsorger. Schweige ich. Rede ich. Tröste ich. Weine ich. In der Erfahrung der eigenen Schwachheit und zugleich in der Hoffnung, dass Gott einen Weg in die Herzen der vom Leiden betroffenen Menschen findet.

Vielleicht sollte es heute so sein, dass ich diese Gedanken erst schreibe, wo es dunkel wird. Das Dunkle gehört dazu. Jeden Abend neu. Man möchte es gar nicht eine ganze lange Nacht aushalten – darum schlafen wir nachts in der Regel. Das Buch Hiob ist in die tiefsten Dunkelheiten der Nacht hineingeschrieben – doch es kennt einen neuen Morgen. So wie die Dunkelheit des Todes Jesu den Ostermorgen kennt!

Ich wünsche Euch allen diesen Blick für die Menschen in ihren Nächten. Nähe und Mitleid, Trost und Beistand, wie und wo immer Ihr ihn leisten könnt. Und das Vertrauen auf einen neuen Morgen, ja auf das ewige Licht Gottes.

Euer Pastor Christoph Bersch

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