Heute möchte ich mit Euch über die Geduld nachdenken.

Liebe Gemeindemitglieder von Oberberg Mitte! Liebe Freunde!

Heute möchte ich mit Euch über die Geduld nachdenken. Und zwar anhand zweier biblischer Gestalten, die eine geradezu übermenschliche Geduld aufbringen mussten: Simeon und Hanna.

Alte Menschen – von Hanna wissen wir aus dem Lukasevangelium sogar, wie alt sie gewesen ist: 84 Jahre. So alt wurde man damals nur selten . Erst kurz vor ihrem Tod erfüllt sich die Sehnsucht dieser beiden: „Meine Augen haben das Heil gesehen“, so fasst Simeon seine Erfahrung, sein Erkennen, das Glück der Begegnung zusammen. In dem Kind, das Maria und Josef zum Tempel nach Jerusalem gebracht hatten, um es Gott zu weihen, jenem Kind, das den Namen „Gott rettet“ trägt: Jeschua, Jesus.

Was für eine Geduld wurde diesen alten Menschen von Gott abverlangt. So wie heute auf andere Weise durch den Corona-Virus. Das Warten, wieder Besuch empfangen zu können. Die Enkelkinder zu sehen. Sich unbefangen, ohne Abstand, ohne Handschuhe, ohne Mundschutz, Desinfektionsmittel usw. mit Menschen zu treffen.

Simeon und Hanna haben nicht aufgegeben, haben nicht gesagt: „Die ganze Warterei bringt doch eh nichts“. Und so gehörten sie zu den ersten, die erkannt haben, dass sich in dem kleinen Kind auf den Armen Marias, in den Tempel gebracht wie damals so viele andere Kinder des Volkes Israel, die jahrhundertealte Hoffnung erfüllte: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“

Im Nachdenken über das, was uns die Corona-Krise sagen will, schaffen wir es hoffentlich, neu zu entdecken, wie wertvoll Geduld sein kann!

Geduld, wo eine Krankheit chronisch wird. Schmerzvoll. Unheilbar. Wo wir mehr und mehr auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Wo wir zum Warten verdammt sind. Manchmal müssen wir dabei Geduld mit uns selbst haben. Oder mit anderen Menschen, die nicht immer gleich (oder auch gar nicht) unsere Erwartungen erfüllen. Jesus hebt mehrfach die Geduld als eine besondere Tugend heraus. Etwa, wenn er sagt: „Lasst alles wachsen bis zur Ernte“. Oder: „Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt die Geduld nicht verliert), der wird gerettet. werden“.

Geduld ist eine Eigenschaft, die uns heute noch schwerer fällt als früheren Generationen. Wir sind oft durchgetaktet. Alles „just in time“. Auf die Minute. Wir hupen, wenn einer fünf Sekunden, nachdem die Ampel grün wurde, noch nicht losgefahren ist. Fluchen, wenn der Zug Verspätung hat. Ärgern uns, wenn man uns warten lässt. Machen Druck, wenn nicht jedes Problem, jede Anfrage, sofort und umfassend, am besten schon gestern, zu unseren Gunsten gelöst ist.

Der Römerbrief – und Rom war schon vor 2000 Jahren eine hektische und pulsierende Stadt – spricht vom „Gott der Geduld“ (15,5): es ist also geradezu eine göttliche Eigenschaft, die Geduld für sich selbst neu zu entdecken.

Und dazu haben wir in diesen Wochen reichlich Gelegenheit:
Die Geduld, die uns der Corona-Virus gleichsam aufzwingt. Wenn wir hier die Geduld verlieren, wird alles sehr viel Schlimmer, als es jetzt schon ist – bei seit gestern über 1000 Toten durch den Virus in Deutschland und über 1000000 bekannte Infizierungen weltweit. Wir sind die Geduld, so schwer sie uns fällt, allen Mitmenschen und gerade den schwächeren schuldig!

Die jahrhundertealte Sehnsucht nach dem Messias, von Gott versprochen und verheißen, erfüllt sich erst nach Jahrhunderten. Eine Geduldsprobe für das auserwählte Volk! Selbst die Apostel fragen Jesus noch unmittelbar vor der Himmelfahrt:: „Stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ Es kann oft gar nicht schnell genug bei uns gehen.

Doch Jesus antwortet: „Euch steht es nicht zu, Zeichen und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ Das ist eindeutig. Das Heft des Handelns liegt beim himmlischen Vater. Und der lässt sich nicht vorschreiben, wann und wie schnell er handelt. Dann allerdings fährt Jesus fort: „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird“ (Apostelgeschichte 1,6-8).

Geduld ist also die eine Seite der Münze, das Vertrauen auf Gottes Geist die andere Seite. In ihm ist Gott bei uns. Durch alle Höhen und Tiefen, Lebensereignisse und Krisen. Geduld heißt dann auch Vertrauen, dass am Ende sich alles zum Guten entwickelt. Auch wenn man vorher im Leben furchtbar durchgeschüttelt wird. So wie das Eltern oft bei Heranwachsenden erfahren haben. Zwischendurch, in der Phase von Pubertät und Abnabelung: „Wie soll das alles werden? Die „Ärzte“ haben in ihrem Lied „Junge, warum hast du nichts gelernt…“ dieser Sorge eine Art musikalisches Denkmal gesetzt.

Aber in der Haltung einer mitsorgenden, leise unterstützenden Geduld hat sich meistens alles zum Guten entwickelt. Kinder gehen dann zwar ihren ganz eigenen Weg (und so muss es auch sein!), aber der lange Atem hat sich letztlich ausgezahlt. Es ist gut, dass wir in allen kleinen wie großen Sinn- und Lebenskrisen in Gottvertrauen und Geduld, in der Überzeugung, dass Gottes Geist auch heute wirkt, unser Leben in Gottes Hand geben können, so wie Simeon und Hanna.

Nicht nur die Geduld können wir verlieren, sondern noch viel mehr: geliebte Menschen, die uns verlassen, die sterben, die wir nicht mehr festhalten können. Bitte betet heute mit mir für junge Menschen, die in den letzten Tagen gestorben sind. Für ihre Angehörigen mit der unendlichen Trauer im Herzen. Für die Erfahrung von Nähe und Gehaltensein an den Abgründen von Tod und Trauer. Und für die Hoffnung, die alle Geduld erst sinnvoll macht: dass am Ende auch die so jung verstorbenen Menschen uns einmal sagen können: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“

Im Gebet tief und fest mit Euch verbunden, grüßt Euch auch heute

Euer Christoph

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