Hattet Ihr schon mal einen Brieffreund? Oder eine Brieffreundin? Ich bekenne demütig:

Liebe Freunde!

Hattet Ihr schon mal einen Brieffreund? Oder eine Brieffreundin? Ich bekenne demütig: die meisten meiner Brieffreundschaften sind irgendwann eingeschlafen. Wir haben uns nie gestritten. Hatten uns zwischendurch viele persönliche Erfahrungen geschrieben. Wir haben angefangen, weil wir uns einmal persönlich kennen gelernt haben. Oder weil wir ein gemeinsames Hobby teilten. Oder aus christlicher Verbundenheit. Aber dann war es irgendwann vorbei. Abstände des Zurückschreibens wurden länger. Der Geburtstag wurde vergessen. Oder der Weihnachtsgruß. Sich zu überwinden, nach längerer Zeit einen Brief zu verfassen, wurde immer schwerer. Und dann nahmen irgendwann die e-mails überhand, und der persönliche handgeschriebene Brief geriet immer mehr ins Hintertreffen.

Das Schicksal der Brieffreundschaft teilt häufig auch die Beziehung zu Gott. Es gibt Zeiten voller Schwung und Elan. Glaube wird erzählt, geteilt, gelebt. Die Freude an der Beziehung zu Gott überwiegt alles. Und dann wird es, zunächst kaum spürbar, weniger. Abstände werden länger. Zur nächsten Beichte. Zur nächsten Messe. Zum persönlichen Gebet. Feste des Kirchenjahres gehen unter, weil ja „langes Wochenende“ ist. Beim Urlaub googlet man alle möglichen Informationen über die Umgebung, Freizeitmöglichkeiten, besondere Veranstaltungen, die Restaurants im Umkreis usw. – und die nächste Kirche? Die Zeit der Sonntagsmesse? So wird Gott schnell zum Brieffreund, der hin und wieder, schließlich immer öfter aus dem Blickfeld gerät. Schließlich haben wir genug Anderes zu tun. Und so wichtig ist er nun auch wieder nicht. Aus dem Auge, aus dem Sinn – und irgendwann auch aus dem Herzen.

Wenn wir in den nächsten Tagen Pfingsten feiern, dann ist das ein Fest der Neuentdeckung. Nach Pfingsten waren die im Abendmahlssaal Versammelten immer noch die Gleichen. Mit der einen Ausnahme: in ihren Herzen ist neu das Feuer der Liebe entzündet worden! Sie redeten von Gott. Sie strahlten etwas aus. Sie verstanden sich. Sie stritten nicht mehr untereinander, sondern bezeugten miteinander. Sie mussten immer noch essen und trinken, sich waschen und kaputt Gegangenes reparieren, Löcher in den Socken stopfen (nein, das nicht: damals trugen sie noch keine Socken…) und sich den täglichen Notwendigkeiten und Verpflichtungen stellen. Doch sie begnügten sich nicht alleine damit. Sie erkannten: Christus ist nicht irgendwer Beliebiges. Er ist der Auferstandene. Er ist der HERR!

Wenn Brieffreunde erkennen, dass sie einander nichts mehr bedeuten, dass sie für den anderen irgendwer Beliebiges sind, dass echte Anteilnahme, waches Interesse und Mitfühlen ausfallen, dann ist das meist der Anfang vom Ende. Paulus nennt die Christen seiner Gemeinde in Korinth einen „Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ (2 Kor 3,3)

Welch ein Bild! Gott schreibt mit uns einen Liebesbrief! Und dabei ist es schnuppe, ob wir das Bild einer antiken Tafel, eines (auch schon fast antiken) Bogens Briefpapier oder einer e-mail/WhatsApp vor Augen haben. Gott will uns etwas äußerst Wichtiges mitteilen. Sich selbst! Das ist der Schlüssel, um einen der großen Theologen des 20.Jahrhunderts zu verstehen: Karl Rahner. Er konnte furchtbar kompliziert sein, und man musste sich richtig in seine Sprache reinackern. Aber der Schlüssel des Verstehens seiner großen theologischen Gedanken ist die Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus. Und wir sind „Hörer des Wortes“, Empfänger seiner Heilsbotschaft, Adressaten seiner Liebe.

Wie hatte es geheißen: Wir sind ein Brief Christi, geschrieben mit dem Geist des lebendigen Gottes! Darüber lohnt es zu verweilen. Nicht wenige Menschen leiden an der Erfahrung mangelnden Respekts. Fehlender Wertschätzung. Erlebter Gleichgültigkeit. Das Feuer der Liebe ist wie erloschen. Die Suche nach Erfüllung und Glück scheinbar vergeblich.

Nein: wir haben eine unantastbare Würde. Wir haben Gottes Geist in uns. Er ist Quelle von Lebendigkeit. Wohl oft verborgen, wie Quellen oder auch das Grundwasser meist verborgen unter der Erde sind. Aber dieser Geist reißt uns heraus aus der Angst. Aus der Resignation. Aus dem Gefühl der Vergeblichkeit. Aus der Sorge, Minderheit zu sein. Belächelt. Isoliert. Ausgegrenzt. Der Geist bewirkt Gemeinschaft. Und stillt den Durst unserer Seele.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde“, hat Jesus einmal gesagt und damit Mut gemacht. Wir haben Gottes Geist bei uns. SEINEN Beistand für die Höhen und Tiefen des Lebens. Gott schreibt auf dem Brief unseres Lebens: Du bist mir wichtig. Du bist geliebt. Kein Serienbrief. Keine Werbepost. Dich und mich und jeden einzelnen von uns gibt es nur ein einziges Mal. Mit DIR schreibe ich eine Geschichte. Wie es sie sonst so nicht gibt. Daher gibt es in den Jahrhunderten der Kirchengeschichte so viele einzigartige Typen. Originale. Persönlichkeiten, weil sie sich ganz persönlich von Gott geliebt wissen und das weitergeben mit allen Grenzen, die sie damals erfahren haben und die wir auch heute dabei erfahren.

Nochmal: es kommt nicht darauf an, was ein Mensch kann, wie schlau oder raffiniert, wie handwerklich oder intellektuell begabt er ist. Wir sind Brief Christi: ER macht etwas aus uns. Wird zu einem Brieffreund, der uns alles mitteilt, was uns Gott näher bringt. Der uns dank seines lebendigen Geistes in die unbezahlbar-große göttliche Liebe hineinnimmt.

„Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu“. Auch solche Brieffreunde hatte und habe ich. Sie beschämen mich, weil ich oft so lange nichts von mir hören lasse. Wie enttäuscht mag Gott von uns sein? Wenn er immer wieder Gutes in unser Leben hineinschreibt und wir nichts von uns hören lassen. Es gehört zu den schönsten Kennzeichen unseres Gottes, wie er sich uns mitgeteilt hat, dass er treu ist. Und Geduld hat. Und seine Liebe ist so unerschütterlich, dass man eigentlich weinen müsste über so viel langen Atem auf seiten Gottes.

Apropos Atem: es ist eines der schönsten Übersetzungen des hebräischen und griechischen Wortes für den „Geist“. Lasst Euch seine Liebe einhauchen. Und antwortet ihm mit einem Dank, einem Gebet, einem Platz in Eurem Herzen. Weil er DER Freund unseres Lebens ist. Dafür gebe ich Brief und Siegel!

Euer Pastor Christoph Bersch

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