Gottes Wort als Kompass, der Orientierung gibt und die Richtung weist, wo und wie unser Leben

Liebe Freunde!

Gottes Wort als Kompass, der Orientierung gibt und die Richtung weist, wo und wie unser Leben gut gelingen kann: das ist der rote Faden, den ich Euch in diesen Tagen ein wenig in die Hand geben darf, wenn Ihr möchtet.

Bisweilen kommt es vor, dass Gottes Wort abstrakt, unzeitgemäß, verstaubt, an der heutigen Realität vorbei empfunden wird. Und in der Tat: es gibt Gräben, die überwunden werden müssen: ein anderer Kulturkreis, antike Traditionen, Geschlechterrollen, Familienbild, das religiöse Umfeld, zeitbedingte Einstellungen… Umso verblüffter aber bin ich immer wieder, wie Gottes Wort MICH trifft, mir hilft, mein Leben berührt und bereichert, auch ohne langen Kommentare und Fachreferenten. Mehr noch: Gottes Wort hat das Potential, die Welt zum Guten zu verändern.

Gestern hat der Blick auf das Buch Hiob gezeigt, wie aktuell, ja brennend sich die Fragen und Sorgen heutiger Menschen darin widerspiegeln. Es ist manchmal wie bei einer Lawine, die Menschen verschüttet und denen die Luft zum Atmen wegbleibt. Gottes Wort, mehr noch: Gottes Gegenwart in seinem Wort ist wie ein Luftkanal, der mich atmen lässt und mir die Hoffnung gibt, dass es weiter geht. Gut weiter geht. Dass wir, wie unser früherer Bischof gerne sagte, mehr Zukunft als Herkunft haben.

Johannes 8,3-11: das ist die Bibelstelle, auf die heute unsere Kompassnadel zeigt. „Jesus und die Ehebrecherin“ steht da als Überschrift eingefügt – und damit beginnt schon das ganze Elend. Denn die Überschrift macht das Gegenteil von dem, was Jesus tut. Sie verpasst dieser Frau direkt einen Stempel. Jener Frau, die man vor ihn bringt. Besser gesagt: die vor ihn gezerrt wird, In die Mitte aller gestellt. Nicht, weil es den Anklägern um die Frau ging. Sondern um ihre Sünde. Eben wie in der Überschrift. Nicht der Mensch zählt, nein: diese Frau ist „Ehebrecherin“. Punkt.

Ihr Name interessiert nicht. Er kommt nicht vor in dieser Szene – und steht damit für die unzähligen namenlos an den Pranger Gestellten und Angeklagten. Angeklagt von denen, die einen auf unschuldig machen. Unterdrückt von Männern, die ihre Macht ausspielen und Gericht halten. Und sich dabei noch scheinfromm hinter eine religiöse Institution stellen: „Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Menschen zu steinigen.“

Dieses Sich-Verstecken hinter Paragraphen, Verordnungen, und Vorschriften: unausrottbar und unmenschlich, wo es nicht um den Menschen geht, sondern ums Prinzip. Damals wie heute! „Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen.“ „Sie hätte es wissen müssen.“ „So sind nun mal die Regeln.“ „Nun muss sie halt die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt hat.“ – So lief das damals zur Zeit Jesu. So läuft das heute, im Jahr 2020. Wobei das Wort „Ehebrecherin“ auch durch „Flüchtling“, „Obdachloser“, „Hartz-4-Empfänger“ usw. ausgewechselt werden kann.

Macht – mit dem Beigeschmack vermeintlich moralischer Überlegenheit. Mit dem Beigeschmack des Kaltstellens, des Todes. Sie hat es ja nicht anders verdient, diese Ehebrecherin. Schlampe! Die haben es ja alle nicht anders verdient, diese Flüchtlinge. Sozialschmarotzer. Am Ende sind sie doch alle sowieso kriminell.

Bei der Ehebrecherin nimmt man sogar noch die Autorität Gottes in Anspruch. Das Gesetz des Mose ist schließlich das ihm von Gott her gegebene Gesetz. Gott einen Gefallen tun, indem man Menschen tötet. Gott gegen den Menschen stellen: das Schlimmste, was wir tun können. Das ist der grausame Stoff für religiösen Fundamentalismus.

Man spürt in der Szene des Evangeliums die ganze Geringschätzung. Was ist diese Frau schon wert! Das, was Frauen viel zu lange ertragen mussten und ertragen müssen. Das, was Menschen aus fremden Kulturen, mit anderem Aussehen, mit einer anderen Muttersprache immer schon aushalten mussten. Gegen das ausdrückliche Gebot Gottes: „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen“ (Ex 23,9).

Was macht Jesus, als er gefragt wird: „Und was sagst du dazu?“ Er weiß: „Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen.“ Diese Frau wird auch noch instrumentalisiert. Benutzt, um Jesus anklagen zu können. Welch perfides Spiel!

Jesus reagiert – erstmal nicht. Er schweigt und beugt sich hinab. Abwarten, Zeit gewinnen. Er schafft eine Pause, ein Innehalten. Es ist das, was uns in aufgeheizter Stimmung, in der Auseinandersetzung oder bei einer abgekarteten Sache auch gut täte. Einen wenigstens kurzen Zeitraum des Abwägens, des Überdenkens, einer gewissen Distanz, um souveräner, um abgeklärter, um gut und angemessen antworten zu können.

Und dann folgt der berühmte Satz, nachdem sich Jesus wieder aufrichtet: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Es gibt keine einzige Stelle in den Evangelien, wo Jesus über die Schwachheit der Menschen schimpft. Was ihn aber empört, ist die Scheinheiligkeit der Mächtigen und die daraus erwachsene Herzenshärte. Das versteinerte Herz: die schlimmste religiöse und soziale Krankheit!

Mit diesem Satz Jesu bricht alle Heuchelei in sich zusammen. Denn keiner kann einen Stein in die Hand nehmen, ohne sich selbst zu treffen. Keiner ist ohne Sünde.
Wie viel Hochmut dagegen treffen wir bis heute an! Bei den anderen. Nur bei den anderen? Gemeinheit mit Worten. Verletzungen. Verleumdungen.Das Auswalzen von Fehlern, die Menschen getan haben.
Keine Gnade. Immer mehr sprechen wieder von „der ganzen Härte des Gesetzes.“ Aber der Angelpunkt muss der Mensch bleiben!

Kommen wir auf jene namenlose Frau zurück, die sich auf einmal ganz alleine vor Jesus wiederfindet. Nach wie vor steht sie in der Mitte – nun aber nicht mehr als Beschämte, deren Sünde man öffentlich präsentiert, damit alle mit dem Finger auf sie zeigen können.

Jesus spricht sie an: voller Mitgefühl. Bei ihm darf sie ganz Mensch, ganz Frau sein. Ohne Vorurteil. Ohne Verurteilung. Denn das sind jene beiden Schlüsselsätze, die Jesus ihr mit gibt in die Zukunft, an die sie wohl nicht mehr geglaubt hatte angesichts der Steine in den Händen der Menge: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr.“

Wenn Jesus nicht verurteilt – wer gibt mir, wer gibt Dir das Recht, einen Menschen zu verurteilen. Auch wenn er gesündigt hat. Denn das sagt er ihr indirekt doch. Nicht im Bohren nach Vergangenem, was wir nicht mehr ungeschehen machen können, sondern im Blick auf die Zukunft:
Geh! Mach Dich auf den Weg, denn du bist noch nicht am Ziel. Geh, und achte darauf, wie du weitergehst. Geh, und versuche, die Sünde zu vermeiden. Mit all der Verheimlichung, Vertuschung und Verdrängung. Mit der Lüge, dem Führen eines Doppellebens, dem Fremdbetrug, der immer auch Selbstbetrug ist. Mach dich frei von dem, was dich nicht trägt – ich mache dich frei von aller Last auf deiner Seele.

Welch eine Achtung und Wertschätzung begegnet uns bei Jesus! Der italienische Pater Ermes Ronchi drückt es so aus: „Jesus richtet sich voller Achtung vor der Frau auf, bekundet ihr seine Nähe und spricht mit ihr. Er nimmt sie wahr in ihrer Einzigartigkeit, er fühlt sich ein in das, was sie bewegt. Auf keine andere Weise können wir das rechte Gleichgewicht finden zwischen der Regel und dem Mitleid. Wir müssen uns hineinversetzen in den konkreten Menschen, den wir vor uns haben, uns hineinvertiefen in seine Lebensgeschichte – und nicht in bestimmte Vorstellungen oder Normen. Aus solcher Nähe, in der Einfühlung in die menschliche Schwachheit und Zerbrechlichkeit werden wir etwas lernen: dass die Schwäche eine Lehrmeisterin der Menschlichkeit ist.“

Die Kompassnadel des Wortes Gottes zeigt heute auf diese Menschlichkeit. Ohne Wenn und Aber. Und Menschlichkeit tut unserer Gesellschaft in diesen Tagen gut. Es ist das, was wir alle brauchen. Was diese schwere Zeit erträglich macht.
Schenken wir sie einander!

Euer Pastor Christoph Bersch

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