„Gib mir ’n kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Liebe Freunde!

„Gib mir ’n kleines bisschen Sicherheit
in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt.“

Viele von Euch kennen dieses Lied der Gruppe Silbermond. Nie war es aktueller als jetzt. Die Sehnsucht nach Sicherheit wächst in Zeiten großer Ungewissheit. Wie gehe es weiter?

Der Oberbergische Kreis war in dieser Woche ohne registrierte Corona-Fälle. Gleichzeitig schießen die Zahlen im Landkreis Gütersloh, gerade mal eineinhalb Autostunde von Gummersbach entfernt, ins Vierstellige.

Was bedeutet das? Wie geht es weiter in NRW, in Deutschland und Europa? Für Kindergärten und Schulen? Gaststätten und Geschäfte? Zwischen Kurzarbeit und Kündigung?

Die zweite Nachricht, die viele erschüttert hat, war neben dem Corona-Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies die Schließung dutzender Kaufhof-und Karstadt-Filialen. Auch der Gummersbacher Karstadt, seit 45 Jahren vor Ort und das einzige Warenhaus dieser Art weit und breit, macht im Herbst dicht. Mitarbeiter werden „freigesetzt“, wie es die Presseabteilungen von Konzernen schönfärberisch formulieren. „Frei“ – darunter stellen wir uns etwas anderes vor, als die Kündigungspapiere zu erhalten und auf der Straße zu stehen. „Schlecker“ lässt grüßen…

Sind wir Opfer der von Silbermond besungenen „schnellen Zeit“? Ja, „Revolutionen fressen ihre Kinder“. So wurde es in der Geschichte immer wieder sichtbar. Auch die Revolution von Globalisierung und Digitalisierung. Und da sind wir Opfer und Täter zugleich. Verstrickt in eine ambivalente Welt, an der wir aber selbst mitstricken.

Nehmen wir die beiden Beispiele dieser Woche. Was ist da bei Tönnies geschehen? War es ein unglücklicher Zufall – oder die Folge unhaltbarer Zustände, die dort schon seit Jahren herrschen? Gucken wir als Gesellschaft nicht schon seit Jahren weg, weil wir letztlich davon profitieren?

Billiges Fleisch beim Discounter – auf Kosten der Gesundheit und Menschenwürde bulgarischer und rumänischer Arbeiter und den Folgen, die wir gerade erleben.
Billige Kleidung bei Kik, Primark und anderen Textilketten, doch bei den Herstellungsbedingungen in Bangladesh, Pakistan oder China schauen wir weg. Denn das Schnäppchen ist einfach zu verlockend.
Und was Kaffeebauern verdienen, wenn die „Krönung“ 3,29 € kostet – und damit deitlich weniger als vor 40 Jahren! -, und was der aktuelle Preis von Milchprodukten für Bauern unserer Region bedeuten, kann sich jeder ausrechnen, der die Augen nicht vor den Konsequenzen verschließt. Ob die Corona-Pandemie sie öffnet? Wenn nicht bei allen (der Rückfall in alte Muster ist ja schon wieder zu erleben), so doch wenigstens bei vielen Einsichtigen?

Auch die gravierenden Veränderungen in den Städten – da sind Karstadt/Kaufhof ja nur ein, wenn auch zentrales Beispiel – haben mit unserem Kaufverhalten, unserem Lebensstil zu tun. Was ist uns wichtig? Jenseits von „billig, billig, billig“?

Lieder wie der Silbermond-Song „Sicherheit“ sind da ein Geschenk. Sie können uns aus der Alltagsbanalität und Oberflächlichkeit ausführen. Wer soll eigentlich diese Sicherheit geben „in einer Zeit, in der nichts sicher scheint“?

Die Antwort ist uns überlassen. Zum Beispiel, um selbst in dieser schnellen Zeit auf die Bremse zu treten. Uns Zeit nehmen, einander Geborgenheit zu vermitteln. Nähe zu schenken. Zu trösten. Sich gemeinsam für die gerechte Sache einzusetzen, wie es seit Generationen schon zum Beispiel Gewerkschaften, Kolpingsfamilien, demokratische Parteien und viele andere tun.

Eine Gesellschaft ohne Veränderungen gibt es nicht. Kann es nicht geben. Und heutzutage schon mal gar nicht. Doch da braucht es Haltepunkte. Ein Wertefundament. Solidarität mit den Schwächeren. Gerechtigkeit und Achtsamkeit. Und nicht nur den Blick auf Umsatz und Profit um (fast) jeden Preis.

„Gib mir ’n kleines bisschen Sicherheit“. Das kann und darf auch Gebet sein. Damit Menschen, denen Gewissheiten genommen werden, die sich seelisch fühlen, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen, Halt finden in der großen Gewissheit des Glaubens: dass Gott lebt; dass er um die Sorgen der Menschen heute weiß; dass er uns mit seinem Heiligen Geist beschenkt und uns damit einen Lotsen zur Seite stellt, der uns viele Klippen umschiffen lässt und selbst bei Schiffbruch wieder aufhilft.

Gott ist dabei nicht nur „irgend was, das bleibt.“ Er ist, wie es in einem anderen Lied heißt, „Gott für uns, er allein ist letzter Halt.“ Ein Gott, der frei macht und nicht „freisetzt“.

Ich vertraue IHM gleich bei den Messfeiern die Sorgen unserer schnelllebigen Zeit an. Eure Sorgen. Die Sorgen rund um Gütersloh. Die Sorgen der Karstadt-/Kaufhof-Mitarbeitenden und ihrer Familien.

Und werden wir in diesen unsicheren Zeiten zu Menschen, die sich aufeinander verlassen und füreinander Halt werden können.

Euer Pastor Christoph Bersch

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