Gestern habe ich mit Euch über die Geduld nachgedacht –

Liebe Gemeindemitglieder von Oberberg Mitte!Liebe Freunde!

Gestern habe ich mit Euch über die Geduld nachgedacht – die uns in unserer auf Pünktlichkeit, Effektivität und Optimierung getrimmten Zeit nicht leicht fällt, wie ein Rückschritt daher kommt, und uns doch zeigt, wie auch Innehalten(müssen) zu einer Chance, einer Neubewertung des Lebens, zu einem geschärften Blick auf Gott („Gott der Geduld“) und den Mitmenschen werden kann.

Der heutige Gedanke ist noch schwieriger und widerspenstiger. Denn es soll um den „Gehorsam“ gehen.

Bei „Gehorsam“ gehen sicher bei vielen negative Erinnerungen durch den Kopf. Da kommt die Wortverbindung mit „Kadaver“. Da denken manche zurück an die dunkle Nazi-Vergangenheit, wo mit Gehorsam schrecklicher Schindluder begangen wurde. Manche persönlichen Auseinandersetzungen in unserer jugendlichen Entwicklung kommen ins Gedächtnis. Gehorsam wurde oft eingefordert, und schwierig war es da, wo wir es nicht eingesehen haben – manchmal zu Recht, oft auch zu Unrecht. Und es war das Alter, wo wir uns nicht einfach nur mehr alles sagen lassen wollten, sondern unsere eigenen Entscheidungen treffen, unsere eigenen Wege gehen wollten – und damit auch unsere eigenen Fehler gemacht haben. „Hättest Du doch auf uns gehört…?“

In der Tat: Gehorsam kommt von „Hören“. Und gerade beim genauen Zuhören bleibe ich vom „Kadavergehorsam“ verschont. Denn der ging oft damit einher, dass jemand angebrüllt wurde, Befehle, ohne nach dem Sinn zu fragen, auszuführen waren („Das Denken überlassen sie mal den Pferden…“), dass Lautstärke die – schlechten oder nicht vorhandenen – Argumente ersetzen sollte.

Es ist genau umgekehrt! Zum Gehorsam gehört das Sich-gegenseitig-Zuhören. Nachfragen. Fragen gut bedenken. Sich auf den anderen einlassen, um ihn wirklich zu verstehen. Und dann kann ich „gehorsam“ sein in dem Sinne, dass ich mich auf den Wunsch, vielleicht auch auf die Anordnung eines anderen, dem ich fest vertrauen kann, einlasse und ihr folge: aber nicht blind und ohne Verstand, sondern gut und gründlich überdacht.

Wir sind ja zur Zeit im „Gehorsams-Modus“: Jeden Tag bekommen wir viele Auflagen, die wir zu befolgen haben. Zu Hause bleiben, Hygiene beachten. Kein Restaurant. Kein Zoo. Keine Sportveranstaltung. Kein Konzert. Keine Grillfeier, obwohl es doch ab Sonntag so schön warm wird. Keinen Besuch der Großeltern. Keine Ausflüge an beliebte Orte. Kein Friseur. Keine… – Ihr könntet so vieles noch hinzufügen.

Ganz besonders schmerzlich für uns Christen: Keine Gottesdienste! Nicht einmal in diesen Tagen, wo wir mit dem Palmsonntag in die „Heilige Woche“ eintreten mit der lebendigen Erinnerung an das Letzte Abendmahl und die Fußwaschung Jesu, sein Gebet im Garten Getsemane und seine Gefangennahme (Gründonnerstag), mit dem Gedenken an Jesu Sterben und Tod (Karfreitag) und der Feier seiner Auferstehung als Mitte, Anker und Antriebsquelle unseres Glaubens: Jesus lebt!

Ausgerechnet am Palmsonntag wird in jedem Jahr eine der wichtigsten Lesungen vorgetragen: der Philipperhymnus. Ein großer Lobgesang im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in der griechischen Stadt Philippi, der schon wenige Jahre nach der Auferstehung Jesu in den frühen Gemeinden gebetet wurde. Und eines der zentralen Stichworte dieser Palmsonntagslesung lautet: Gehorsam!

„Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“

ER war gehorsam! Nicht Menschen gegenüber. Hätte er gehört und befolgt, was man ihm bei seinem Prozess nahegelegt hat, nämlich zu leugnen, dass er der Sohn Gottes ist, hätte er sich noch retten können. Hätte er seine Lehre vom Reich Gottes und sein Kommen als „König der Juden“ abgestritten, wäre er am Leben geblieben, und ihm wäre all das schreckliche Leid erspart geblieben. Aber den Menschen gegenüber war er kompromisslos. „Bist du der Christus, der Sohn Gottes?“ – „Du hast es gesagt“, so Jesus gegenüber dem Hohepriester. „Bist du der König der Juden?“ – „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“, so Jesus gegenüber Pilatus.

Christus war gehorsam gegenüber Gott, seinem Vater. SEIN Wille war der alleinige Maßstab. Und bei allem, was uns persönlich an Meinungen und Spekulationen, an Auffassungen und Kritik, an Berichten und Kommentaren, an Äußerungen in Medien oder im eigenen Bekanntenkreis begegnet: stellt Euch immer die Frage: „Was ist der Wille Gottes?“

Nicht umsonst lädt Jesus uns ein, diese Bitte täglich an den Vater im Himmel zu richten: „Dein Wille geschehen, wie im Himmel, so auf Erden.“ Und wie es später die ersten Jünger bei ihrem Verhör vor dem Hohen Rat formulieren: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Wir Priester versprechen bei unserer Weihe Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam. Nicht, weil wir unfähig wären, eine Liebesbeziehung zu führen und eine Familie zu gründen. Nicht, weil wir unfähig wären, uns finanziell etwas zu leisten. Nicht, weil wir unfähig wären, eine eigene Meinung auszubilden und zu vertreten. Es sind Entscheidungen, die nur von Gott her und auf Gott hin sinnvoll sind. Weil ER diesen Weg mit mir auf diese Weise gehen will. Und ich mit IHM. Deshalb sind wir nicht mehr und nicht weniger wert als jeder andere Mensch.

Und letztlich kommt es auf uns alle an, dass wir auf die Stimme Gottes hören, um IHM gehorsam zu sein. Weil Gott mich nicht ins Nichts laufen lässt, wenn ich ihm folge. Weil Gott mir zwar Vieles zumutet, doch auch immer an meiner Seite ist, um mir Mut zu machen. Weil Gottes mit seiner oft so leisen Stimme mir unendlich mehr sagen kann als all das Laute, das um mich herum ist.

Um mich nicht misszuverstehen: Der „Wille Gottes“ darf nicht ausgespielt werden gegenüber den augenblicklichen Weisungen in der Corona-Pandemie! Gott spricht oft durch andere Menschen zu mir. Im Alten Testament gibt es sogar eine wunderbare Erzählung (googlet mal „Bileam“), wo er durch einen Esel spricht! Wenn es um den Willen Gottes geht, dann heißt das auch, dass er über meinem eigenen Willen steht. Dass ich nicht fordernd oder ausfallend werden darf, wenn mein Friseur mir nicht zur Verfügung steht. Wenn mich das Ordnungsamt rügt, weil ich mit mehreren anderen zusammenstehe. Wenn ich fahrlässig das Leben Schwächerer in Gefahr bringe. „Christus war gehorsam“ – Sind wir Christen es auch! Selbst dann, wenn ich nicht meinen so wichtigen und wertvollen Gottesdienst mitfeiern kann. Jesus hat so viel für uns ausgehalten: da werden wir es um der Bewahrung anderer Menschen willen auch einmal aushalten, auf die Mitfeier der Gottesdienste zu verzichten. Das ist – jetzt! – gelebte Nächstenliebe!

Im Oberbergischen haben wir eine Broschüre erstellt: „Oberbergisch Ostern“. Sie enthält Texte und Impulse für Gründonnerstag, Karfreitag und die Osterfeiertage. Wir möchten sie gerne allen Menschen in unseren Gemeinden zukommen lassen als eine Möglichkeit, sich mit Jesus in diesen wichtigen Tagen zu verbinden. Und laden ein, sie in die Häuser zu tragen. Jeder für sich (im Gehorsam gegenüber den strengen, aber wichtigen Regeln zum Schutz vor Corona), aber letztlich im Dienst für die Menschen. „Messe“ kommt ja von „Sendung“. „Geht hinaus!“ Es ist eine Möglichkeit, Menschen etwas Gutes mitzugeben. So wie ganz viele andere Initiativen dieser Tage auch – Gott und allen, die dabei mitwirken, sei Dank!
Und Gott gibt dazu in diesen Tagen das schöne Wetter…

Danke für Euer Mitgehen! In den Gedanken, die ich Euch jeden Tag mitgeben darf. Im Hören auf Gottes Willen – und im kritischen (!) Gehorsam, der die vielen Stimmen zu unterscheiden weiß. Und im Gebet füreinander, das uns so sehr stärkt und zusammenhält!

Euer Pastor Christoph Bersch

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