Gerade eben haben zum letzten Mal die Glocken um 19.30 Uhr geläutet.

Liebe Freunde!

Gerade eben haben zum letzten Mal die Glocken um 19.30 Uhr geläutet. Zweieinhalb Monate lang erklangen Sie an jedem Abend in (fast) allen Kirchen des Erzbistums Köln und unseren evangelischen Geschwisterkirchen im Kirchenkreis an der Agger und darüber hinaus.

Es war eine Einladung zum Gebet für die Corona-Infizierten. Für alle, die schwer erkrankt waren. Auf Intensivstationen. Deren Leben an Maschinen, oft genug am seidenen Faden hing. Und die vielen, die durch Corona gestorben sind. Weltweit. Aber auch für Ärzte, Krankenschwestern und
-pfleger, Angehörige, Trauernde, Betroffene.

Nur wenige Minuten haben wir an jedem Abend geläutet. Zeit für ein kurzes Innehalten. Eine Unterbrechung, wie wir so viele Unterbrechungen in den letzten Monaten erleben mussten. Der kürzlich verstorbene Theologe Jean-Baptist Metz definierte Religion als „Unterbrechung“. Die Gewohnheiten und Routinen, das Sich-Einrichten in den Alltag, Business as usual – das geht vielfach nicht mehr. Abstand und Hygieneregeln: das Mantra der letzten Wochen. Reisen, Familienfeiern, Hochzeiten, Geburtstage, Abibälle, Kino-, Disco- oder Theaterbesuche: Verschoben. Oder ganz abgesagt. Mit allen Folgen sozialer Art. Wirtschaftlicher Art. Psychischer Art.

Auch das Glockengeläut war ein akustischer „Einbruch“ in den Alltag. Eine Unterbrechung. Zu ungewohnter Zeit. Um die Aufmerksamkeit auf die Menschen in dieser Not-Situation zu lenken. Und auf Gott, der uns auch in Corona-Zeiten nicht im Stich lässt. Darum Religion als Unterbrechung. Weil es mehr gibt als mich. Mehr als meinen eigenen Horizont. Meine persönlichen Bedürfnisse. Meine Lebensziele und Lebensinhalte. Ich darf mich als religiöser Mensch rückbinden – so lautet die Übersetzung von „relinquere – religio“ -.und mir bewusst sein, dass ich Teil eines größeren Ganzen bin.Teil der Welt, des Planeten Erde. Teil von Gottes Schöpfung.

Pandemie: dieses Wort haben die meisten von uns erst in den letzten Monaten gelernt. Eine Gefahr, eine Infektion, die in der ganzen Pan) Welt erlebt wird. Und so fiel unser Blick in den letzten Monaten auf China und Südkorea. Auf Italien, Frankreich und Spanien. Auf Großbritannien und Brasilien. Und auf die USA.

Alle wirklichen Religionen, alle läutenden Glocken und das Pfingstfest, das wir gerade feiern, blenden die Sorgen und Nöte so vieler Menschen nicht aus. Das Pfingstereignis geschah mitten in Jerusalem. Nicht in ländlicher Idylle, sondern dort, wo die römische Besatzungsmacht war. Und viele Besucher aus allen möglichen Regionen. Gottes Geist knüpft an die Alltagssituationen an. Er durchdringt den Alltag, die Welt, wie sie ist. Mit all der Vielfalt, die zu ihr gehört. Stürme und Flauten. Krieg und Frieden. Hass und Liebe. Leben und Tod.

Gestern vor 30 Jahren bin ich zum Diakon geweiht worden. Habe damals versprochen, mein Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Für die mir anvertrauten Menschen täglich zu beten (Stundengebet). Ihnen das Evangelium in Wort und Tat zu verkünden. Und – wie es in der Offenbarung des Johannes bei den Sendschreiben an sieben Gemeinden Kleinasiens heißt – „zu hören, was der Geist den Gemeinden eingibt.“

Bei unserer Weihe in Euskirchen haben wir in der 1.Lesung Worte aus dem Buch Jesaja gehört: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir. Denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen eine Gute Nachricht zu bringen.“
Diese Verheißung des Propheten erfüllte sich in Jesus. Er bekräftigt es selbst in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth, als er diese Stelle vorliest und dann sagt: „Heute ist dieses Schriftwort an mir in Erfüllung gegangen.“

IHN haben Menschen durch 20 Jahrhunderte hindurch verkündet. Ihn dürfen wir auch und gerade heute bezeugen. ER ist der Gesalbte, der Geisterfüllte, der Christus. Pfingsten aber feiern wir die Geistsendung auch an seine Jünger. An Maria und die Apostel. An Frauen und Männer, die mit dabei waren. Denn in seiner Kirche lebt Christus weiter. Wie es schon das Wort „Kirche“ sagt: Zu ihr gehören die, die zum HERRN, also zu Jesus gehören..

Der Heilige Geist, den wir in den letzten Tagen als Kirche erbeten haben und an diesen beiden Pfingstfeiertagen weiterhin auf uns alle herabrufen dürfen, begleitet, stützt und stärkt unser Leben. Als Getaufte. Als Gefirmte. Als Geweihte. Und auch wenn wir ab Juni keine Glocken mehr um 19.30 Uhr läuten hören: der Pfingstgeist ist da! Oft leise wie ein sanft säuselnder Wind. Manchmal auch wie ein heftiges Brausen, wie beim ersten Pfingsten in Jerusalem. Lassen wir uns von ihm ergreifen. Berühren. Verwandeln.

Schon im Buch der Psalmen (104,30) heißt es: „Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde.“ Das ist Gottes Gabe an uns. Und zugleich unsere Aufgabe: diesen Geist wirken zu lassen. In der Bewahrung der Schöpfung – weltweit. In der Bekämpfung von Seuchen, von Hunger und Krieg – weltweit. In einer von Respekt und Wertschätzung, Freiheit und Gerechtigkeit geprägten Politik – weltweit. Der Geist wirkt grenzenlos – doch sein Wirken beginnt in unserem eigenen Herzen!

Gesegnete Pfingsttage und die spürbare Erfahrung des Geistes Gottes wünscht Euch
Euer Pastor Christoph Bersch

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