„Fürchte dich nicht!“ Das ist einer der häufigsten Sätze aus dem

Liebe Oberberger!
Liebe Freunde!

„Fürchte dich nicht!“

Das ist einer der häufigsten Sätze aus dem Mund Jesu. Immer wieder ermutigt er damit seine Jünger und die Menschen insgesamt, keine nackte Angst zu haben, weil es jemanden gibt, der mich gleichsam einhüllt in seine Geborgenheit schenkende Liebe. Wir dürfen Vertrauen haben!

Die Diplompsychologin Anke Precht macht uns von ihren Praxiserfahrungen her Mut, wenn Sie auf die Ängste in der gegenwärtigen Pandemie zu sprechen kommt: „Ich finde es völlig normal, dass Menschen in einer Krise erst mal Angst haben. Das bedeutet, dass sie merken: Da verändert sich gerade richtig viel, und ich kann es nicht kontrollieren… Diese Angst ist eine gesunde Reaktion auf eine außergewöhnliche Entwicklung. Menschen, die ihre Gewohnheiten ändern müssen, weil die alten nicht mehr funktionieren, fühlen sich oft erstaunlich gut – und werden nicht depressiv, wie viele jetzt unken. Im Gegenteil: Sie spüren eher Energie und sind total glücklich, wenn sie neue Möglichkeiten entdecken. Da passiert viel an Lebendigkeit. Nicht jede schlimme Lebenssituation ist für die Psyche gefährlich. Die ist durchaus in der Lage, damit umzugehen.“

Frau Precht weiß natürlich, dass es Menschen mit Angststörungen gibt. Die gar nicht aus ihrer Haut können, weil es eine seelische Veranlagung gibt oder prägende Erlebnisse aus der Vergangenheit. Und sie will auch nicht das verharmlosen, was uns Angst macht.Das ist ja vor allem jener Virus, der jedem gefährlich werden kann. Dem alten Menschen im Heim wie dem Ministerpräsidenten von Großbritannien. Dem Krankenpfleger, dem eigenen Angehörigen, ja mir selbst genauso wie dem Prominenten in Hollywood oder (noch dramatischer) in New York. Gerade eine Gefahr, der man nicht „ins Gesicht“ schauen kann, weil sie völlig unsichtbar daherkommt, ist eine Quelle von Furcht und Angst.

Dennoch traut Frau Precht unserer Seele eine Menge zu: nämlich mit Ängsten umzugehen, an ihnen zu wachsen und zu reifen, weil uns Veränderungen im Alltag auf neue Möglichkeiten stoßen, Ideen freisetzen und damit das Lähmende hinter uns zu lassen.

Und genau das ist auch die Ausrichtung unseres Glaubens: Gott ist mit uns! Auch da, wo wir uns einschließen. Abkapseln. Die Zukunft in zunächst düsteren Farben sehen (im ersten Satz eines der berühmtesten Bläck Fööss-Lieder, „In unserm Veedel“ wunderbar auf den Punkt gebracht: „Wie soll dat nur wiggerjonn?“ – Wie soll es nur weitergehn?). Angst hat auch Jesus gespürt, durchlitten, bis in die Poren seiner Haut („der für uns Blut geschwitzt hat“). Eine gesunde Reaktion, wie es Frau Precht sagt. Ja, er war Mensch wie wir! Mit den Freuden und Ängsten, den Erfahrungen und Gefühlen, der Verzweiflung und den Hoffnungen.

Jesus hat das alles in das Zwiegespräch mit seinem Vater hineingelegt. Dem Johannesevangelium verdanken wir ja die großartigen Abschiedsreden seinen Jüngern gegenüber und dem Gebet Gott gegenüber. Er weiß um sein Schicksal. Und bleibt doch nicht bei sich selbst stehen. Er betet für unsere Welt. Für uns! „Ich bitte für alle, die du mir gegeben hast.“ Wir sind Jesus anvertraut – und dieses Vertrauen ist ein starker Halt in allen Ängsten!

Es ist einmal mehr der große evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der im Bewusstsein seiner eigenen Hinrichtung durch die Nazis von diesem Vertrauen Zeugnis gibt. Er spricht von den gequälten Herzen und den aufgeschreckten Seelen, von der schweren Last und dem bittern Kelch des Leids. Was für Bilder tiefster Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit!

Aber Bonhoeffer bleibt da nicht stehen. Er sieht weiter und tiefer. Mit den Augen des Glaubens. „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ Und schließlich: „Wir wissen es: Dein Licht scheint in der Nacht.“

Die Gründe, die Angst in uns auslösen, kann uns letztlich keiner nehmen. Wir werden immer Nacht erleben. Platzangst bei dem einen, Prüfungsangst bei dem andern. Einem Sturm oder eben auch einer Pandemie entgegenzittern. Von Krankheiten nicht verschont bleiben. Untreue und Enttäuschung erleben. Oder wirtschaftlichen Konkurs. Trauer und Tod. Gott lässt uns diese Erfahrungen machen, aber er bleibt nicht distanziert. Denn in allen Ängsten ist er unser Wegbegleiter. Auch wenn er scheinbar schläft. Auch wenn er sich nicht direkt zu erkennen gibt. Auch wenn ich mich mutterseelenallein fühle.

In den Lesungen der Karwoche begegnen uns die sogenannten Gottesknechtslieder. Sie finden sich beim Propheten Jesaja. Schmach und Schande, Schmerz und Leid werden diesem Knecht Gottes zugemutet. Wir finden hier das Leidensschicksal Jesu vorausgedeutet. Aber auch unser eigenes Leid, unsere Ängste. Das zweite Lied vom Gottesknecht aus der heutigen Tagesliturgie aber zeigt auch, was Gott denen schenkt, die in der Not an seiner Seite bleiben, gerade auch im aufopferungsvollen Dienst an den Kranken, den Alten, ja allen Betroffenen:
„Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“

Das Unheil durch Corona hat fast jeden Winkel der Erde erreicht und ist eine weltweite Bedrohung geworden. Ich vertraue darauf – und ich ermutige Euch, es mir gleich zu tun! -, dass Gottes Heil stärker ist als alles Unheil. Dass sein Geist das Angesicht der Erde zum Guten hin erneuern wird. Dass wir IHM unsere Ängste geben dürfen und er sie mitträgt.

Beten wir auch heute für alle Corona-Infizierten! Für alle Leidenden und Trauernden. Und für alle, die Ängste in sich tragen.

„Fürchtet euch nicht!“

Euer Pastor Christoph Bersch

 

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