Es liegt genau ein Jahr zurück: der Brand von Notre-Dame in Paris.

Liebe Freunde!

Auch heute möchte ich an ein Ereignis zurückerinnern.
Es liegt genau ein Jahr zurück: der Brand von Notre-Dame in Paris.

Ein Schock, als die mehr als 800 Jahre alte Kathedrale in Flammen stand. Am Abend um kurz vor 19 Uhr wurde das Feuer entdeckt. Und schon brannte der Dachstuhl lichterloh. Eine Stunde später stürzt der Spitzturm ein. Die ganze Nacht bemühen sich hunderte Feuerwehrleute, das Gotteshaus zu retten. Nach 14 Stunden ist der Brand gelöscht. Die Kathedrale mit ihren beiden großen Türmen steht, und doch: der Schaden ist erheblich, die Kirche auf nach wie vor unabsehbare Zeit unbenutzbar.

Gerade bei mächtigen Bauwerken ist der erste Eindruck: Das ist gebaut „für die Ewigkeit“. Wie viele Generationen haben diese alten großen Domkirchen bereits kommen und gehen sehen. Seuchen, Hungersnöte und Kriege haben sie überstanden. Und doch: auch die stabilsten Häuser sind nicht für die Ewigkeit gebaut.

Von wie vielen wehrhaften Burgen stehen heute nur noch Ruinen. Wie viele große Wohnhäuser, Rathäuser und Gotteshäuser sind verschwunden. Manche konnten wieder aufgebaut werden. Wie in Köln der im Zweiten Weltkrieg so schwer beschädigte Dom. Auch hier war die Tatsache, dass die beiden Türme allen Bombardements standgehalten hatten, ein Zeichen der Hoffnung und Ermutigung für die Menschen der so schwer zerstörten Stadt. „Dr Dom steht noch“ – ist auch heute noch bei uns Kölnern ein tief verankerter Seufzer der Erleichterung, wenn man nach längerer Zeit wieder in seine Heimatstadt kommt.

Man kann sich vorstellen, welch ein Schock es für das Volk Israel gewesen sein muss, als der Jerusalemer Tempel in Schutt und Asche lag. Er war DAS Gotteshaus des jüdischen Volkes. Wallfahrtsstätte und sichtbares Symbol für die Gegenwart Gottes. Und er erinnerte an die großen Könige David und Salomo, die diesen Tempel errichtet hatten: die große Blütezeit Israels.

Es war die wohl größte Krise Israels nach der Zeit der Sklaverei in Ägypten, als 587 vor Christus Jerusalem zerstört wurde: der Tempel in Trümmern, die Führungsschicht des Volkes im Exil von Babylon, unerreichbar weit weg. Hatte Gott sein Volk verlassen?

Die Tragödie setzte sich fort. Nach fast 50 Jahren Exil durften die Israeliten zurück nach Jerusalem. Und weitere fast 50 Jahre später war der Tempel neu aufgerichtet. Und schnell vergaß man wieder, dass er zwar ein Symbol von Stärke und Einheit war: aber nicht unzerstörbar.

Auch ein Tempel, eine Kathedrale, jede Kirche und jede Struktur ist vergänglich. Und das, was wir immer schon damit verbinden: damals am Jerusalemer Tempel die Händler, die Einnahmen und die guten Geschäfte, die durch die vielen Pilger möglich waren. Oder die Strukturen: Hohepriester, Hoher Rat, Sadduzäer: auf einmal war alles zu Ende, als im Jahr 70 nach Christus der Tempel zum zweiten Mal zerstört wurde. Diesmal so, dass er nicht wieder aufgebaut wurde. Bis heute nicht. Lediglich eine Mauer (die „Klagemauer“) erinnert noch an dieses mächtige Haus Gottes.

Und so sehr die katholische Welt am Petersdom in Rom, wir Kölner an „unserem Dom“ und die Pariser Bevölkerung an „Notre Dame“ hängen: das ist alles nicht für die Ewigkeit gebaut. Wie jedes andere Bauwerk. Wie alles, was wir besitzen und errichten.

An diesem Punkt stößt Jesus auf das allergrößte Unverständnis. „Amen, ich sage euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben, der nicht niedergerissen wird (Matthäus 24,2)“.

Christentum als Opium des Volkes? Wie konnte es zu diesem Vorwurf kommen? Haben wir es verpennt, die Vorläufigkeit von allem klar zu benennen? Tun wir so (bis heute), als könnten wir uns bis in alle Ewigkeit irgendwie wohlig einrichten? Jesus jedenfalls verteilt keine Beruhigungspillen. Natürlich sollen und dürfen wir bewahren, was uns Heimat und Sicherheit schenkt. Und alles dafür tun, um Kathedralen und andere wichtige Orte zu bewahren, zu retten. So wie wir auch alles in unserer Macht Stehende tun sollen, um Menschen zu retten und zu heilen.

Und doch wird alles (!) einmal niedergerissen sein. Geschichte sein. Vergangenheit. Wie etwas bei sechs der sieben Weltwundern. Oder der berühmten Bibliothek von Alexandria.

Und wir? Was bleibt uns? Erinnerung auf einem Grabstein. „In unseren Herzen lebst du weiter.“ – Aber wenn auch unsere Herzen nicht mehr schlagen? Bleibt dann nur noch das Vergessen?

Es gibt am Anfang des Johannesevangeliums, im 2.Kapitel, ein damals ganz geheimnisvolles und gleichzeitig provokatives Wort Jesu: „Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Die empörte Antwort erfolgte prompt: Wir haben 46 Jahre gebraucht, um ihn zu wieder fertig zu stellen. Und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen? Daraufhn ergänzt der Evangelist dieses Streitgespräch mit einer Bemerkung, die gerade in dieser Osterwoche von größter Aktualität ist: „Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.“

Glauben wir an das, was wir selbst errichtet haben? Halten wir uns nur daran fest – und verlieren wir dann den Halt, wenn es anders kommt? Wenn eine Kathedrale ein Raub der Flammen wird? Wenn die Weltwirtschaft ins Trudeln gerät? Wenn unsere Gesundheit, in die wir vielleicht viel investiert haben, eines Tages trotzdem in die Brüche geht?

„ER ist Gott, Gott für uns. Er allein ist letzter Halt“ – singen wir in einem unserer Lieder. ER – das ist der Auferstandene. Der nach drei Tagen das Zerstörte wieder geheilt, aufgerichtet hat. Endgültig und für alle. Natürlich dürfen wir uns freuen, wenn Notre Dame eines Tages wieder in neuem Glanz erstrahlt. So wie ich mich über unsere 12 großen Romanischen Kirchen in Köln freue, die nach furchtbarsten Kriegsschäden wieder aufgebaut werden konnten. Und vor allem über den Kölner Dom, jenes steinerne und gläserne Abbild des himmlischen Jerusalems, in dem ich zum Priester geweiht worden bin.

Aber: er ist nur ein Abbild des himmlischen Jerusalems. So wie ich als Mensch „nur“ ein Abbild Gottes bin. Vergänglich. Begrenzt. Weil es Ostern gab und gibt, glaube ich an den, der nicht nur den Tempel seines Leibes wieder aufrichtet, sondern uns alle! Uns, die wir mit den Worten des Neuen Testaments, „Tempel“ sind. Tempel, in denen ER, in denen SEIN Heiliger Geist wohnt.

Nein, Gott erspart uns keine Katastrophen. Weder die Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Noch die Schrecken des 2.Weltkriegs mit seinen Zerstörungen. Noch Tschernobyl oder Nine eleven. Weder den Brand von Notre Dame in Paris noch den Orgelbrand in Gummersbach. Noch das „Niederreißen“ unseres eigenen Lebens durch den Tod.

Aber Gott verwandelt alle Katastrophen! Fluch in Segen. Winter in Frühling. Tod in Leben.

Dass Ihr an diese österliche Verheißung glaubt, sie zum Grund aller Hoffnung macht und niemals aufhört, die Botschaft der Liebe zu leben, die allem standhält und niemals (!) aufhört, das wünscht Euch

Euer Pastor Christoph Bersch – HALLELUJA!

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