Es ist gerade einmal drei Monate her – vom Corona-Virus war noch keine Rede!

Liebe Gemeindemitglieder von Oberberg Mitte!Liebe Freunde!

Es ist gerade einmal drei Monate her – vom Corona-Virus war noch keine Rede! -, am ersten Freitag des Monats Januar, als ich in der Mittagszeit in Jerusalem unterwegs war. Am Löwentor, dem Stadttor, das sich zum Garten Getsemane und zum Ölberg hin öffnet. Menschenmassen waren unterwegs: Muslime, die zum Freitagsgebet in die Moscheen aufbrachen. Juden, die geschäftlich oder auch zum Feierabend hin unterwegs waren. Einzelne Pilger wie ich… – Und alle zusammen kamen wir nur zentimeterweise voran, weil das schmale Tor für die vielen Menschen wie ein Pfropf war.

Wohl durch dieses Stadttor ist Jesus, von Bethanien kommend, nach Jerusalem hineingeritten. Begrüßt von den Bewohnern. Bejubelt von seinen Anhängern. „Hosanna in der Höhe!“ Massenandrang. Aber Jesus setzt Zeichen! Nicht hoch zu Pferde kommt er in die Stadt, sondern auf einem Esel. Er lässt sich nicht feiern, sondern geht weiter unbeirrt seiner Mission nach: den Menschen das Reich Gottes zu verkünden. Ihnen hierfür die Augen zu öffnen. „Den alten Sauerteig wegzuschaffen“, alles, was die Beziehung zu Gott behindert, verfälscht und unmöglich macht.

So wie die vielen Menschen im Januar am Jerusalemer Stadttor kaum ein Durchkommen ermöglichten, so ermöglicht das Viele, das unser Leben in Beschlag nimmt, oft kaum den Raum und die Zeit für den großen Überblick. Wo will ich eigentlich hin? Was erwartet mich jenseits des Stadttors? „Ich gehe meinen Weg vor Gott im Lande der Lebenden“ – ist dieser Psalmen-Kehrvers (Gotteslob 629,3) unsere Lebenswirklichkeit? Oder werden wir gegangen? Weitergeschoben in der Menge? Irgendwohin?

Wir sind in diesen Wochen gezwungen, auf das „Bad in der Menge“ zu verzichten. Mehr noch: wir sind ganz auf uns selbst verwiesen. Zu Hause bleiben. Höchstens mit einem einzigen Menschen unterwegs sein. Ausnahme die Familie im engeren Sinne, mit den Kindern.

Einerseits gibt es die Sehnsucht, dass alles schnell wieder so wird wie vorher. Damit man wirtschaftlich überlebt. Damit vertraute Abläufe – Besuche, Feiern, Schule, der Arbeitsalltag – wieder aufgenommen werden können.

Und andererseits spüren wir hoffentlich, dass diese Tage uns auch positiv verändern können. Dass wir wesentlich werden können. Dass wir den Blick finden für das, was im Dahintreiben durch ein von Zeitknappheit bestimmtes Leben oft verloren gegangen ist. In der Familie. Im Blick auf die älteren Menschen in unserem Lebensumfeld. In der Natur. Die Fragen und Sehnsüchte in mir selbst.
Und in der durch Corona aufgezwungenen Beschränkung hat Gott hoffentlich eine bessere Chance, bei uns anzuklopfen. Uns zu Hause vorzufinden, weil wir nicht dauernd weg sind. Von wegen keine Zeit…

Was tut Jesus nach seinem Einzug in Jerusalem? Er genießt nicht seinen „Erfolg“, seinen „Promi-Status“. Matthäus, Markus und Lukas berichten, dass er zunächst in den Tempel geht, um ihn zu reinigen. Im übertragenen Sinn. Er vertreibt die Händler. Die aus allem ein Geschäft machen. Die Gott für ihren eigenen Profit missbrauchen. „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht,“ Mit diesen Worten und dem Hinaustreiben der Händler aus dem Tempelvorhof schafft sich Jesus keine Freunde. Im Gegenteil: Es wird zu einem der Anklagepunkte, um ihn hinrichten lassen zu können.

Aber er setzt das entscheidende Signal: Das Gebet darf nicht dem Geschäft zum Opfer fallen. Und wenn ich das Zeichen auf mich selbst deute: Ist meine Seele ein Ort der liebenden Gegenwart Gottes? Des vertrauten Zwiegesprächs mit Ihm („Haus des Gebetes“)? Oder ist es eine Räuberhöhle, in der zwar viele (geraubte) materielle Schätze aufbewahrt sind, die aber weder satt noch glücklich machen?

Im Lukasevangelium kommt noch eine Facette hinzu. Zwischen dem feierlichen Einzug in Jerusalem, wie wir ihn am heutigen Palmsonntag in Erinnerung rufen, und der Reinigung des Tempels von allem, was die Begegnung mit Gott verstellt, finden wir bei ihm jenen Moment, wo Jesus über Jerusalem Tränen vergießt. Als Jesus „die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen.“

„Wenn du doch erkannt hättest“ – Sagt Jesus das vielleicht auch uns? Die wir zum neuen Volk Gottes gehören? Die wir zwar getauft oder auch gefirmt sind, dann aber Gottes Wort und Botschaft oft überhört haben? Nicht in unser Herz gelassen haben?
Weil wir keine Zeit hatten? Andere Prioritäten hatten? Uns haben ablenken lassen von so vielem, was auch wichtig ist. Wichtiger als Gott. Wichtiger als Gott???

Liebe Freunde! Nutzt die Zeit, wie Ihr sie jetzt erlebt, um zu erkennen. Um Prioritäten neu zu setzten. Nicht wieder in den alten Hamsterrädern bis zur Erschöpfung rennen. Die Balance zu finden: Arbeiten und beten. Den Nächsten lieben und Gott lieben. Sich verausgaben und sich ausreichend Ruhe gönnen, auch für die Seele. Wach zu sein für das Notwendige und das Geschenkte. Nicht nur in der Masse schwimmen, sondern für sich Orte der Ruhe und der inneren Ausrichtung des Lebens entdecken.

Heute abend um 18 Uhr nehme ich Euch alle wieder im Herzen mit in den Gottesdienst. Lege Eure vielen Anliegen, Sorgen und Nöte mit auf den Altar. „Dieses Opfer unserer Versöhnung bringe der ganzen Welt Frieden und Heil.“

Ich wünsche Euch einen frohen Palmsonntag – und die Gewissheit, die wir in einem unserer Lieder so schön ausgedrückt finden: „Du gibst Geborgenheit, du kannst alles (auch mich!) wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“

Euer Pastor Christoph Bersch

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