Die Meinungen zur Corona-Pandemie sind zunehmend emotionalisiert. Um es mal nett auszudrücken. Mehr als acht

Liebe Freunde!

Die Meinungen zur Corona-Pandemie sind zunehmend emotionalisiert. Um es mal nett auszudrücken. Mehr als acht Wochen Versammlungsverbot und Schließungen, Kontaktreduzierung, Abstandsregeln und dann noch Maskenpflicht: in gewissem Maße sind Überreaktionen sogar ein Stück verständlich.

Das Auffälligste dabei: NIE beginnt man bei Kritik mit sich selbst. Was hätte ich in den letzten Wochen anders machen können? Was habe ich in meinem eigenen Leben übersehen?Vernachlässigt? Im Kontakt mit den Mitmenschen. Mit Gott. Wo lege ich selbst die Hände in den Schoß, erwarte aber von allen anderen, dass sie sich aufreiben? Um dann zu kritisieren, wenn Entscheidungen nicht genau in meinem Sinne getroffen werden.

Auch Neiddebatten kommen zunehmend in Mode. „Warum dürfen die… und die anderen nicht…?“ Wenn es immer so einfach wäre! Wie viel Druck wird in diesen Tagen ausgeübt. Oder (An-)Klage erhoben. Man fühlt sich grundsätzlich benachteiligt. Von „denen da oben“. Und schnell kommen handfeste Anschuldigungen hinzu. Ohne Bemühungen um eine differenzierte Sicht. Wenn es um Kindergärten und Schulen, um Besuche in Altenheimen und Krankenhäusern geht, gibt es kein einfaches: „Zurück an den Anfang“. Wir sind nicht bei „Monopoly“, „Malefiz“ und „Mensch, ärgere dich nicht.“

Um mich nicht falsch zu verstehen: ich schätze Meinungsfreiheit als ein wichtiges und kostbares Gut über alle Maße! Gerade unterschiedliche Einschätzungen können den Horizont erweitern, zu neuen Entscheidungen führen, das Abwägen eines Für und Wider auf ein festeres Fundament stellen. Auch der beste Virologe ist nicht unfehlbar. Auch der umtriebigste Politiker kann sich verrennen.

Ich stehe selbst immer wieder vor Fragen, die schwierig zu deuten, zu beantworten sind. Wie geht man verantwortet mit Besuchen in unserem Altenheim um? Bringen wir die Krankenkommunion? Wie gestalten wir unsere Gottesdienste? Ist zum Beispiel Gemeindegesang ein zu großes Risiko?

Der Kölner in mir neigt immer zu der Überzeugung „Et hätt noch immer joot jejange“. Doch ist das so? Das zerstörte Köln des 2.Weltkriegs, das durch den U-Bahn-Bau zusammengestürzte Stadtarchiv mit Toten und Verletzten, die unvergesslichen Corona-Bilder aus Norditalien, Spanien und New York der letzten Wochen zeigen mir: Es geht längst nicht immer gut. Und wenn es (einigermaßen) gut geht, dann sind es unsere Vorsichtsmaßnahmen, unsere Rücksichtnahme, unsere Sorgfalt, die Schlimmeres verhindert haben und auch künftig verhindern können.

Ich halte auch eine kritische Sichtweise für legitim und notwendig, die nicht so sehr an Fußball-Bundesliga-Vereinen Maß nimmt, sondern zum Beispiel an allen, die von den Schließungen einer Kindertagesstätte betroffen sind. Und da gilt es, alle in den Blick zu nehmen, nicht nur die eigene Lobby.

So gibt es die Verantwortung eines Trägers, der (oft häufig wechselnde) gesetzliche Vorgaben und die Situation vor Ort bewerten und umsetzen muss. Da gibt es Sorgen bei Eltern bzw. Alleinerziehenden; da gibt es aber auch unsere Sorgfaltspflicht für Erzieherinnen und Erzieher! An einem guten Dialog, dem Hinhören, was mit zu beachten ist, welche Gründe hinter einer Entscheidung stehen, geht kein Weg vorbei.

In der Bergpredigt hat uns Jesus einige bleibende Maßstäbe mit auf unseren Weg durch das Leben und durch die Corona-Krise hindurch gegeben:

1) Die Bergpredigt beginnt mit Seligpreisungen! Nicht mit Regeln, Ge- oder Verboten, sondern mit der positiven Zusage Jesu: Selig, die Barmherzigen. Selig, die Trauernden. Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Selig die Sanftmütigen. Selig, die Frieden stiften. Positives Denken im besten Sinne des Wortes! Gibt es passendere Maßstäbe fürs Debattieren und Kommentieren, für Beratungen und Entscheidungen, für das konkrete Handeln?

2) Dann folgt die großartige Aussage an uns alle: Ihr seid das Licht der Welt! Euer Licht soll vor den Menschen leuchten. Selber leuchten, statt nur Dunkelheit zu beklagen: so sieht Nachfolge Jesu und heilsame Ausstrahlung für die Mitmenschen aus!

3) Jesus verweist auf die Diskretion im Guten. „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen.“ Und: Wenn du Gutes tust, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine Rechte tut. Unsere heutige Medienkultur verführt dazu, dass nur das zählt, was pubilk gemacht wird. Still praktizierte Nächstenliebe, treue Sorge und Liebe, diskrete Hilfe im Alltag werden gar nicht mehr gesehen. Und viele denken: Was ich nicht sehe, oder lese, oder poste, oder sonstwie publiziere, das zählt nicht. Das gibt es nicht. „Warum schweigt die Kirche…? „Warum tut sie nichts…?). Ich frage umgekehrt: Warum klagt Ihr an? Warum fangt Ihr nicht bei Euch selbst an? Und überlasst das Urteil dem, von dem Jesus sagt: „Der Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“

4) Das Wichtigste, was wir Menschen schenken können, gerade in diesen schwierigen Wochen, ist die Einladung zu einem festen Vertrauen in Gott! Ebenfalls in der Bergpredigt sagt uns Jesus: „Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ Und dann lehrt er uns das Vertrauensgebet schlechthin: das Vaterunser.
Beten entbindet uns nicht von Fürsorge und Verantwortung, aber es lenkt den Blick auch in schweren Zeiten auf den treuen Wegbegleiter. Und das ist so gut und wichtig für die Psyche, für eine innere Haltung des vertrauensvollen Annehmenkönnens. Damit will ich tiefe und persönliche Sorgen und Nöte nicht klein reden. Trauer und Angst der Menschen sind immer auch Trauer und Angst der Jünger Christi! Doch wir dürfen auf den hinweisen – und vor allem selbst von dem her leben -, der uns nicht alleine lässt. Der mit offenen Armen auf uns wartet. So, wie wir sind. Mit allem, was uns lähmt, belastet, Sorgen bereitet, den Atem nimmt.

5) Und schließlich enthält die Bergpredigt Jesu das bekannte Wort vom „Splitter im Auge deines Bruders“ und vom „Balken im eigenen Auge.“ Verbunden mit dem Satz: „Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem Ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.“ Da müssen wir uns alle an die eigene Nase packen. Ich auch an die meine! Vermutlich ist das ein Lebenswerk. Aber irgendwann sollten wir damit anfangen. Alle gemeinsam. Am besten heute noch!

Euer Pastor Christoph Bersch

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