Der Pfingstdienstag hat in meinen Jugenderinnerungen eine ganz besondere Bedeutung.

Liebe Freunde!

Der Pfingstdienstag hat in meinen Jugenderinnerungen eine ganz besondere Bedeutung. Viele Jahre bin ich an diesem Tag mit der Echternacher Springprozession (Echternach ist eine Stadt in Luxemburg) mitgegangen. Oder besser gesagt: mitgesprungen.

Die Eltern eines Mit-Messdieners hatten seinerzeit ein Wochenendhaus in Mettendorf in der Eifel. Von dort organisierte „Pax Christi“ am Pfingstmontag-Abend eine Nachtwallfahrt der Jugend, an der wir mit einigen aus unserer Kölner Jugendgruppe teilgenommen haben. Beeindruckend! Damals gab es noch die Schlagbäume zwischen den Grenzen. Und Passkontrollen. Für unsere nächtliche Pilgergruppe wurde am Grenzübergang Echternacherbrück der Schlagbaum geöffnet – und das war damals eine bewegende Erfahrung: in ein anderes Land zu gelangen, ohne durch Grenzbeamte kontrolliert zu werden. Was heute so selbstverständlich ist: in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war es das keineswegs. Weder nach Österreich noch nach Luxemburg, weder nach Belgien noch nach Holland (geschweige denn in unsere östlichen, kommunistischen Nachbarstaaten mit dem „eisernen Vorhang“) konnte man einfach „so“.

An diesem Grenzübergang Echternacherbrück trafen wir dann, mitten in der Nacht, in einer Art Sternwallfahrt auch Jugendliche aus anderen Orten der Region Eifel / Luxemburg. Wir spürten die Verbundenheit über Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Gemeinsam gingen wir nach Echternach hinein, feierten zum Sonnenaufgang (wobei wir auch einmal im strömenden Regen die ganze Nacht unterwegs waren und von Sonne gar nichts zu sehen war) einen Jugendgottesdienst, ruhten noch ein wenig aus, bevor wir am Vormittag bei der berühmten Springprozession mitmachten. Ein unvergessliches Ereignis, an dem ich als Schüler und später als Student mehrere Male teilnehmen durfte.

Wie soll ich die Springprozession beschreiben? Zunächst einmal sind in diesem relativ kleinen Ort Echternach viele Tausend Menschen auf den Beinen. Buchstäblich! Denn die meisten sind keine Zuschauer, sondern springen selber mit. Kinder und Jugendliche. Erwachsene allen Alters. Und zwischen den einzelnen Pilgergruppen begleiten die unterschiedlichsten Musikgruppen die Prozession. Dabei ist es immer die gleiche eingängige (Polka-)Melodie, die von den Kapellen gespielt wird. Sie begleitet die Prozessionsteilnehmer auf dem ganzen gut einen Kilometer langen Weg. Es spielt immer jede zweite Musikkapelle, das heißt man springt einmal die komplette Melodie, und zwar immer diagonal nach vorne im Gleichklang: vorne links, vorne rechts…; anschließend springen die Gruppe davor und dahinter, dann sind wir wieder dran. Wir springen in Fünferreihen. Die meisten sind durch weiße Taschentücher miteinander verbunden. Unsere Pax-Christi-Gruppe hat Tücher mit dem Symbol der Friedenstaube: Im Frieden Christi vereint!

Der Weg führt durch die ganze Stadt – bis hin zur Kathedrale von Echternach mit dem Grab des Heiligen Willibrord. Er war einer der Gefährten des Heiligen Bonifatius und ein wichtiger Missionar in unserem Land. Wir sprangen noch in der Kathedrale – bis zu den Stufen, wo es in die Krypta hinabging. Dort zogen wir am Grab Willibrords vorbei, wo der Prozessionsweg endete.

Die Prozession ist Jahrhunderte alt – und war zwischendurch manchen weltlichen wie katholischen Ordnungsfetischisten ein Dorn im Auge. So kann man nachlesen, dass Im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, das Springen von weltlicher und geistlicher Seite zunehmend kritisiert wurde. Die einen hielten es für einen Ausdruck von Aberglaube, die anderen bedauerten die Entgleisungen, wenn die Gläubigen zu sehr in Ekstase gerieten. 1778 hat der Erzbischof und Kurfürst von Trier Clemens Wenzeslaus von Sachsen die Echternacher Springprozession verboten, weil diese „nicht vernünftig“ sei. Auch der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Joseph II. ließ 1786 alle Prozessionen verbieten, nahm dieses Verbot bald darauf jedoch zurück, wahrscheinlich weil sich sowieso niemand daran hielt (herrlich!!!). Durch die Französische Revolution und die damit folgende französische Besatzung wurde die Prozession wiederum verboten. Unter Napoleon wurde sie 1801 dann wieder erlaubt.

1825 sollte die Springprozession einem Dekret Wilhelms I. zufolge vom Dienstag nach Pfingsten auf den Pfingstsonntag selbst verlegt werden, um so keinen Arbeitstag zu verlieren. Der Großherzog hatte damit anscheinend nicht viel Erfolg, denn 1830 wurde das Dekret aufgehoben. Übrigens war für die Schülerinnen und Schüler Luxemburgs der Pfingstdienstag immer schulfrei, und sehr viele kamen nach Echternach und sprangen mit. 2019 fand an diesem Tag zum ersten Mal Schulunterricht statt. Die kleinen Affronts dauern also bin in die jüngste Gegenwart!

Die einzige Periode der jüngeren Geschichte, in der die Prozession nicht stattfinden konnte, war die Zeit der deutschen Besatzung 1940–1944 während des Zweiten Weltkriegs. Und heute, Pfingstdienstag 2020, ist es die Corona-Pandemie die auch vor der Echternacher Springprozession nicht haltmachte. So fällt auch sie in diesem Jahr aus..

Warum hat mich diese Prozession so beeindruckt? Warum gehörte sie zu den Höhepunkten in meinen christlichen Prägungen der Jugendzeit? Es sind vor allem drei Gründe:

1) Ich habe in Echternach Kirche in Bewegung erlebt! Nachtwallfahrt (immerhin etwa 20 km)und dann noch Gottesdienst, Springprozession und nachher die Heimfahrt waren ziemlich anstrengend (und Mittwoch war ja wieder Schule, manchmal sogar Klassenarbeit) – aber es war ein erfüllendes Erlebnis. Wir haben als Pilgergemeinschaft besondere Erfahrungen gemacht: Geistliche Impulse, der Gedanke von Versöhnung, Friede und offenen Grenzen – und das nicht nur theoretisch, sondern im Unterwegs-Sein, im Teilen gemeinsamer Erlebnisse. Der Glaube ist kein theoretischer Diskurs, sondern geteilte Erfahrung: das durfte ich in Echternach und bei vielen anderen Wallfahrten verinnerlichen. Kirche in Bewegung – Glaube als Weggemeinschaft!

2) Wie man an der kurz skizzierten Geschichte der Springprozession sehen kann, war sie nicht immer unumstritten. Außergewöhnliches setzt sich Kritik aus. Von außen versuchen viele, Kirche aus der Öffentlichkeit zu bringen. Kreuze werden entfernt. Glockenläuten stößt auf Protest. Kirche stört und nervt. Von Anfang ihres Daseins an. Auch innerhalb von Gemeinden erfährt man Gegenwind. Zum Beispiel durch die, die es unbedingt so haben wollen „wie immer“. Und wehe, es droht Veränderung – sei es durch Papst Franziskus, sei es durch den Synodalen Weg, sei es durch den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Man bringt sich in Position gegen alle, welche die eigene Meinung nicht teilen. Schlagbäume werden geschlossen statt geöffnet (und es sind manchmal buchstäbliche „SCHLAG-Bäume“, da man oft böse und hasserfüllt auf Menschen anderer Überzeugung eindrischt). Vielfalt – Viel wert! Dieses Leitwort unserer Caritasverbände bringt auf den Punkt, wie wertvoll Kreativität, Weite und Freude an der Buntheit und Lebendigkeit von Kirche und Welt ist. Mut zum Außergewöhnlichen!

3) So verschieden und vielfältig das Leben gerade auch in seinen christlichen Ausprägungen ist: es ist dann „viel wert“, wenn es dem Evangelium und – wie Paulus im Philipperbrief sagt – einem Leben in Jesus Christus entspricht. Die Vielfalt der Schöpfung, ob in der Pflanzen- oder Tierwelt, ob unter uns Menschen, ist ein Zeichen der unendlich schöpferischen Kraft des Geistes Gottes. Er wirkt auf so erfrischende Weise in einem jeden Menschen mit seinen je eigenen Begabungen und Talenten, dass es eine einzige Freude ist! Und zugleich führt er uns alle zusammen – eben wie in den Nächsten am Grenzübergang Echternacherbrück. Wir haben alle den gleichen Ursprung in Gottes großem „Ja“ zum Leben, und wir haben alle das gleiche Ziel: die Gemeinschaft der Heiligen, für die der heilige Willibrord steht. Und ehrlich gesagt: das ist ein so herrlich bunter „Haufen“, dass ich schon jetzt voller Vorfreude bin, im Reich Gottes diese ganzen „Typen“, das heißt die von Gott berufenen und vollendeten Originale richtig kennenlernen zu dürfen. Glaube in der Vielfalt und der Einheit in Christus!

Jede Prozession ist ein Bild für unser menschliches Leben. Wir sind unterwegs. Mal glücklich und voller Jubel. Mal aber auch traurig und wie gelähmt. Lassen uns von anderen begeistern und mitreißen. Oder sind ohne Antriebskraft und in Gewohnheiten erstarrt.
Die Echternacher Springprozession macht Mut zum Aufbruch! Dem Himmel entgegen. Und diesen stelle ich mir als einen Ort voller Tanzen und Springen, voller Unbeschwertheit und Glück vor. Grenzenlos! Ich freue mich schon jetzt darauf!

Euer Pastor Christoph Bersch

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