„Das Christentum kann sich nicht oder nur in gering zu übernehmendem Maße auf das Institutionelle in

Liebe Freunde!

„Das Christentum kann sich nicht oder nur in gering zu übernehmendem Maße auf das Institutionelle in Sitte, Brauch, Tradition, öffentlicher Meinung, Nachahmungstrieb usw. stützen. Jeder muss es für sich neu erobern; es wird nicht mehr einfach ‚von den Vätern ererbt‘. Jeder muss neu erobert werden… Das Christentum wird aus einem Nachwuchschristentum zu einem Wahlchristentum.“

Christsein als persönliche Wahl, als Entscheidung: diese Gedanken stammen von dem großen Theologen Karl Rahner und zwar aus dem Jahr 1959! Und er sprach sich schon damals, vor mehr als sechs Jahrzehnten, dafür aus, mehr Wert auf – auch zahlenmäßig kleine – Gemeinden von persönlich ernsthaft Glaubenden zu legen, als „alle“ in einer traditionellen Kirchlichkeit zu erreichen und zu erhalten.

Das ist bis heute die bleibende Spannung für uns Priester und für alle Gemeinden. Legen wir nur auf die „kleine Herde“ Wert? Vereint im Glauben, uns gegenseitig stärkend? Oder richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das „weite Feld“, offen für alle Suchenden, Neugierigen und „Gelegenheitschristen“? Für mich ist die Antwort klar: kein „Entweder – oder“, sondern ein „Sowohl – als auch“!

Klar ist: es darf nicht nur um messbare Erfolge gehen. Wie hoch ist der Gottesdienstbesuch? Wie viele Neugetaufte, wie viele Kommunionkinder oder wie viele Firmbewerber haben wir? Wie entwickelt sich die Kirchensteuer? Nicht die Zahlen, sondern das gar nicht Messbare ist das Herzstück unseres Glaubens. Die Begleitung und Unterstützung einzelner. Die Bereitschaft zuzuhören und Nähe zu schenken. Die Beziehung zu Gott. Die Gastfreundschaft. Die Zuwendung zu Menschen, die nichts zurückgeben können, weil sie – materiell – gar nichts haben.

In seinem neuesten Buch „Kirche – wohin?“, das vor einigen Wochen erschienen ist, hat dies der Theologe Gisbert Greshake so ausgeführt (S. 98f.): „Warum nimmt man das in der säkularen Gesellschaft gegebene Grundphänomen einer zunehmenden Subjektivierung und Differenzierung… nicht ernst? Warum will man das prophetische Wort widerlegen, wonach sich nur ‚ein Rest‘ des Volkes Gott zuwenden wird (Jes 10,22)? Warum will man mehr erreichen als Jesus Christus selbst, der mit allen Kräften um den Glauben seines Volkes gerungen hat und doch – jedenfalls äußerlich gesehen – zu Lebzeiten keinen ‚Erfolg‘ hatte?“

So ist „keineswegs die ‚kleine Herde‘ zu einem Wert an sich oder gar zum Ziel hochstilisiert, sondern die Frage des Quantum (des ‚wie viel‘) völlig in die Hände Gottes gelegt und damit ihre Bedeutung für uns ganz und gar relativiert, gewissermaßen ‚entmachtet‘. Statt über die immer lichter werdenden Reihen und fehlenden Personengruppen zu klagen, gilt es, sich über jeden von Herzen zu freuen, der zur Kirche findet und den Weg des Glaubens mitgeht, auch wenn es noch so wenige sind.“

Tiefgreifende Folgen wird das alles mit sich bringen: für das Erscheinungsbild der Kirche und ihre Handlungsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Vieles wird sterben – und damit dem Herzstück unseres Glaubens entsprechen: „Das Weizenkorn muss sterben“ – „Im Tod ist das Leben.“ Im Untergang ist Aufgang, ist neues Leben.

Man erscheinen diese Gedanken von Greshake in unserer momentanen Situation sehr wichtig:

1) Wir haben vor genau einer Woche den Karfreitag begangen. Da entwickelten sich nicht nur Zahlen nach unten. Da starb der Messias selbst! Mit allen Konsequenzen für seine Anhänger, die vor dem Nichts standen. Aller Hoffnung beraubt. Erst bei der Auferstehung Jesu aber haben die Jünger begriffen. Der Tod ist das Tor zum Leben!
Die Auferstehung Jesu aber setzte sein Sterben voraus. Der Glanz von Ostern erstrahlte umso heller, weil es vorher die Finsternis von Golgota gab, das Dunkel des Todes.

2) In diesen Tagen sind viele Menschen unzufrieden, weil die Kirchen weiterhin geschlossen bleiben müssen. Und sie fragen rhetorisch: „Warum ist der Baumarkt geöffnet, aber nicht meine Pfarrkirche?“ – Warum sind Getränkemärkte systemrelevant, nicht aber die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde?

Zum einen sind die Pfarrkirchen geöffnet. Bei uns und an vielen anderen Orten. Zum persönlichen Gebet – (noch) nicht zum gemeinsamen Gottesdienst. Richtig aber ist: wir sind nicht systemrelevant! Schon gar nicht an erster Stelle.
Ich möchte als Christ nicht nur für ein System da sein. Natürlich ist die Kirche eine gesellschaftliche Größe. Ich gehöre als Kreisdechant zum auch gesellschaftspolitisch Stellung nehmenden Kreiskatholikenrat, bin Vorsitzender des Caritasrates für die Caritas Oberberg mit ihren vielen Beratungs- und Hilfsangeboten, gehöre dem Gemeinsamen Ausschuss für die Rendanturen an, gebe oft Statements in den Medien für die Katholische Kirche im Oberbergischen Kreis, in dem wir auch z.B. mit unseren Beratungsstellen präsent sind. Mit Kindertagesstätten. Mit einer Erzbischöflichen Schule in Wipperfürth. Mit Altenheimen und Behinderteneinrichtungen. Häusern der Jugendhilfe.

Wir tragen hier, in den Verbänden und in unseren Pfarrgemeinden Sorge für viele Menschen. Leisten unseren Beitrag an ganz vielen Orten. Aber: Das allein ist es nicht. Nicht an erster Stelle. Wir definieren unser Dasein nicht aus der Nützlichkeit für unsere Gesellschaft heraus. Definieren uns nicht von einer Relevanz heraus, die dem System „Gesellschaft“ zugeordnet ist. Wir leben und handeln aus einer Quelle, die dem System vorausgeht. Tiefer reicht. Sich aus der Existenz und dem Auftrag Gottes speist. Von daher sind wir Staatsbürger, Teil der Gesellschaft. Tragen die Verantwortung, die wir gemeinsam haben, mit. Wir brauchen und wollen keine Extrawurst. Etwa weil wir gute Beziehungen zu den politischen Entscheidungsträgern haben. Oder uns für wichtiger halten als andere. Unsere Rolle ist „Salz“ und „Sauerteig“: Bilder für etwas äußerlich Unsichtbares, das trotzdem wesentlich ist!

Gerade ältere Christen kennen noch die viel größere Bedeutung der Kirche in früheren Zeiten. Obwohl auch damals schon etwa die „Katholische Bekenntnisschule“ weggefallen ist. Und nach dem 2.Weltkrieg die katholische „Zentrumspartei“ in die überkonfessionelle CDU überging. War es nicht im Nachhinein ein von Gott zugelassenes (oder gar gewolltes?) „Zeichen der Zeit“?

Natürlich haben wir alle unsere Aufgabe. Aus unserer Berufung heraus. Aus der Taufe (und Firmung). Aus der Haltung von Gottes- und Nächstenliebe, die gemeinsam das erste und wichtigste Gebot ist. Aber nicht aus dem Nutzen, den ich aus meinem Christsein ziehe. Oder der gesellschaftlichen Anerkennung. Oder einem gesicherten Arbeitsplatz als hauptamtliche/r Mitarbeitende/r in der Kirche.

Entdecken wir neu unseren Platz im großen Heilsplan Gottes. Entdecken wir den, der uns trägt. Auch durch Krisen. Auch dann, wenn es anders kommt, als ich es von früher her kenne und heute gerne hätte. Bei allem, was uns in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich getragen hat, gilt letztendlich:

Wenn nicht der HERR das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut. Vertrauen wir ihm das Haus unseres Lebens, unserer gesellschaftlichen Sorgen, unserer Familie und Freunde an!

Euer Pastor Christoph Bersch

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