Christi Himmelfahrt: was bedeutet dieses Fest für Euch und für mich?

Liebe Freunde!

Christi Himmelfahrt: was bedeutet dieses Fest für Euch und für mich? Ein freier Donnerstag, der für viele ein langes Wochenende mit Brückentag beinhaltet (seit vielen Jahren erstmals ohne lange Staus), für andere Vatertag.

Für uns Christen ist es der Abschied von Jesus. Die damals mit ihm gelebt hatten, ihm gefolgt waren, hatten alle gedacht, dieser Abschied sei schon am Karfreitag erfolgt. Die Katastrophe. Das Aus. Gekreuzigt, gestorben, begraben: das war’s. Dann jedoch kommt der dritte Tag: das unfassbare Geschehen von Ostern. Das die Welt in ein ganz neues Licht taucht, weil die Ohnmacht vor dem Tod, die Angst vor dem Ende durchbrochen ist. Endgültigkeit wird zur Gültigkeit, zur Hoffnung über das Ende hinaus. Auferstehung! Und der, der auferstanden ist, zeigt sich seinen Jüngern nicht nur einmal. 40 Tage lang – bis zu dem Tag, wo er die Erde verlässt. Und erst da ist es ein richtiger Abschied!

Ich möchte mit Euch ein wenig über Abschiede nachdenken. Und dabei mit Euch in das Lukasevangelium, aber auch in unsere heutigen Erfahrungen schauen. Drei Abschiedsszenen wähle ich dabei aus:

1) „Danach verließ sie der Engel.“ Lukas, 1.Kapitel. Ein Besuch bei Maria, einem jungen Mädchen aus Nazareth. Keiner kannte sie. Mehr noch: kaum einer kannte Nazareth. Galiläa hatte damals keinen guten Ruf. „Du bist auch ein Galiäer. Deine Stimme verrät dich“, sagte eine Frau zu Petrus, als Jesus gefangen genommen wurde. Offensichtlich ein auffallender Dialekt. Genau dort besucht Gabriel Maria im Auftrag Gottes – mit einer Botschaft, die es in sich hatte: sie sollte ein Kind empfangen, den Sohn des Allerhöchsten. Maria fragt nach: Wie denn? Und am Ende sagt sie „Ja“! Mir geschehe nach dem Wort. Welch ein Glaube! Und dann der Abschied: Danach verließ sie der Engel.

Gerade einmal 13 Verse umfasst das Verkündigungsgeschehen. Lk 1,26-38. Die Begegnung aber krempelt Marias Leben um. Mag sich der Engel auch verabschiedet haben: die Botschaft, DIE Frohe Botschaft bleibt. Und nicht nur als Wort. Denn dieses Wort wird Fleisch, wird Mensch: in ihr! Wo sind wir selbst Menschen oder geradezu Engeln begegnet, die unser Leben total verändert haben. Die uns vielleicht ähnlich zurückgelassen haben wie Gabriel das Mädchen von Nazareth. Und danach unser ganzes Leben geprägt und neu ausgerichtet haben. Abschiede erinnern nicht nur an Vergangenes. Sie beinhalten Zukunftsvisionen! Führen uns auf ganz neue, unerwartete Wege.

2) Im 15.Kapitel bei Lukas ist ein ganz anderer Abschied beschrieben. Der Sohn verlässt das Haus des Vaters. „Gib mir das Erbe“. Anders ausgedrückt: Ich bin weg. Für immer. Das Band ist zerschnitten. Ich fange komplett neu an. Ohne Dich! Der Abschied des Sohnes im Gleichnis vom barmherzigen Vater fühlt sich zutiefst bitter an. Was mag in diesem Vater vorgegangen sein? Doch er legt ihm keine Steine in den Weg. Er darf gehen.

Ihr dürft gehen. Eure Gemeinde verlassen. Die Kirche verlassen. Gott verlassen. Keiner wird festgehalten. Ihr habt Euch über jemanden in der Kirche geärgert? Oder wie heute ein anonymer Brief, der an mich adressiert war: er werde austreten, weil wir im Gottesdienst nicht singen. Schmerzhaft, wenn die Glaubensgemeinschaft verlassen wird. Weil sie nichts mehr bedeutet. Weil eine Entfremdung zu Gott stattgefunden hat. Weil im Falle des Sohnes im Gleichnis ein neues Leben so verheißungsvoll, so attraktiv erscheint. Ein Abschied für immer sollte es sein. Raus aus der (vermeintlichen) Enge des Hauses, rein ins Vergnügen. Das ging eine Zeitlang gut – und endete zwischen den Schweinen. So wie mancher Traum bis heute in der Entzugsklinik, im Obdachlosenheim, im Frauenhaus, bei der Streetworkerin oder unter der Brücke endet. Oder in der inneren Zerrissenheit, in ungestillten Sehnsüchten.
Der Abschied schien endgültig – doch der Vater hat nie aufgehört zu warten. Und zu hoffen. Ihr dürft gehen. Jederzeit. Vor allem aber: Ihr dürft zurückkommen!!!

3) Schauen wir schließlich im letzten Kapitel im Lukasevangelium, wo jener Abschied beschrieben wird, an den wir Christi Himmelfahrt denken. Jesus verlässt seine Jünger, aber er gibt ihnen am Ende einige Dinge mit auf den Weg:

– einen Auftrag: Ihr seid Zeugen! Eine Verabschiedung bedeutet oft eine richtig große Herausforderung. Weil es jetzt viel mehr auf mich ankommt! So war das, als ich mich von zu Hause verabschiedete und in meine erste Wohnung zog. Nach Bonn. Später nach Innsbruck. Nach Bensberg, Solingen und Engelskirchen. Ins Kölner Priesterseminar, nach Wuppertal und Gummersbach. Oder als ich Pfarrer wurde. Verantwortung übernehmen musste. Abschied von einem „Eigentlich habe ich damit am Ende gar nichts zu tun“. Oder als meine Eltern starben. Mit dem Abschied von ihnen begann auch eine neue Ära. Ein entscheidender Bezugspunkt fiel weg. Geliebte Menschen, die engsten Wegbegleiter von Anfang an, sind nicht mehr greifbar. Abschied als Loslassen. Abschied als Chance zum Neubeginn. Abschied als Ermutigung, selbst Zeuge zu sein, verlässlicher und zuverlässiger Wegbegleiter.

– die Gabe des Heiligen Geistes. Das kennzeichnet die Tage zwischen dem Abschied Jesu und dem spürbaren Erfahren der göttlichen Geistesgaben. „Ich werde euch einen Beistand senden.“ Darauf bereitet sich die Gemeinde mit Maria und den Aposteln vor. Auf Pfingsten. Sie beten. Sie halten zusammen. Sie sind erwartungsvoll. – Welche Chance hätte der Heilige Geist bei uns? In unseren Gemeinden. Letzten Sonntag hatte eine Gemeinde sechs Gottesdienstbesucher. Morgen früh eine andere unserer Gemeinden vier Gottesdienstbesucher. Ja, ich weiß: die einen beten zu Hause. Die anderen schauen sich eine Messe im Fernseher an. Die dritten wollen sich nicht festlegen, nicht anmelden. Die vierten warten ab, bis die Corona-Einschränkungen vorbei sind.
Ist es ein aktives Warten? Mit dem Gebet um Gottes Geist? Darum, dass die Menschen sich jenseits aller Landes- und Sprachgrenzen verstehen? Mit der Begeisterung, an dieser Berufung, der Gemeinschaft der Glaubenden teilhaben zu dürfen? Als auserwähltes Geschlecht, als ein Volk von Priestern – und zwar alle Getauften! Der ältere Bruder des verlorenen Sohns mit seiner Bitterkeit und seinem Negativblick ist ein warnendes Beispiel, dass die Freude an Gott auch verloren gehen kann – egal, ob wir „ausbrechen“ aus den Gefängnissen unseres Ichs, oder ob wir „brav und bieder“, möglicherweise aber auch verbittert und freudlos daheim bleiben. Und der Heilige Geist bleibt außen vor…

– seinen Segen. Bei Lukas heißt es: „Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“ Sei es , dass wir verlassen werden, sei es, dass wir uns verlassen und einsam fühlen: wir bleiben unter SEINEM Segen. Die Zusage: Ich bin bei euch alle Tage – die gilt. Die zählt. Die ist Fundament. Darauf könne wir bauen.

Einen geisterfüllten und segensreichen Christi-Himmelfahrts-Tag wünscht Euch allen

Euer Pastor Christoph Bersch

Weitersagen: